MG MHB 0410

Aus LernWerkstatt Geschichte
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Morillo, Stephen und Pavkovic, Michael F.: What is Military History? (Cambridge u.a. 2006).

Einleitung

Moderne Militärgeschichte erlebt in Deutschland seit nun schon etwas über 15 Jahren einen beachtlichen Aufschwung. Dieser schlägt aber vor allem auf der Ebene der Forschung wieder und zwar in einer Vielzahl von Arbeitskreisen, Konferenzen, Spezialzeitschriften, Monographien und Sammelbänden - mithin alles Formen der Wissensvermittlung, die sich an bereits ausgebildete Historikerinnen und Historiker richten. Kurze, einführende Werke hingegen, die bei Studierenden (vielleicht sogar schon Schülerinnen und Schülern) gleichermaßen Interesse an Militärgeschichtsschreibung wecken und direkt in die Grundlagen der Materie einführen können, gibt es hingegen auf dem deutschen Buchmarkt praktisch noch gar nicht. Und das in einer Zeit, in der manche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Uni bereits die Hände über dem Kopf zusammenschlagen ob der unüberschaubaren Flut an Einführungswerken zu allen möglichen Epochen und Themen - eine Flut, die mit Einführung der konsekutiven Studiengänge deutlich zugenommen hat.

Will man also ein leicht lesbares Werk ausfindig machen, so wird der Blick, wie so oft, in den angloamerikanischen Wissenschaftsraum gelenkt. Das von Stephen Morillo und Michael F. Pavkovic verfasste Buch "What is Military History?" fällt auf den ersten Blick durch das originelle Cover auf, das den Anspruch als einführendes Werk sehr ansprechend deutlich macht. Was jedoch bietet der Inhalt des 150 Seiten starken Bändchens? Neben einer Einleitung und einem sehr vagen Ausblick auf die Zukunft der Militärgeschichte am Ende, bietet das Buch vier Hauptkapitel: "Military Historiography" (S.11-43), "Conceptual Frameworks" (S.44-70), "Current Controversies" (S.71-96) und "Doing Military History" (S.97-110).

Inhalt

Das einführende Kapitel ist nur ein schneller Überblick, ruft aber einen zentralen Punkt in Erinnerung: Dass nämlich Militärgeschichte drei sehr deutlich unterscheidbare Adressatengruppen kennt. Die akademische Community, das Militär selbst und den populären Markt. Die Tatsache, dass die für diese drei Märkte geschriebenen Literatursorten sich extrem unterscheiden, sollte immer im Hinterkopf behalten werden und die Autoren tun gut daran, dies so ehrlich zu artikulieren.

In "Military Historiography" beschreiben die Autoren die Wurzeln dessen, was uns heute als Militärgeschichtsschreibung geläufig ist. Sie beginnen dabei mit den "warrior tales" und den "deeds of kings" der Antike, die heute nur noch als Quellen für Militärgeschichte, nicht mehr als deren Tradition dienen können. Letztere verorten sie ganz klassisch bei Herodot und Co., wobei die Autoren sofort dem später noch explizit geforderten Wunsch nach globaler Perspektive gerecht werden, und auch chinesische, byzantinische und islamische Wurzeln mit ins Bild rücken. Der Blick über Antike, Mittelalter und Aufklärung endet dann im 19. Jahrhundert und skizziert dann ausgiebig die Spaltung der Militärgeschichte in akademische und applikatorische Militärgeschichte. Spannend ist hier der Vergleich zwischen verschiedenen Schulen in Deutschland und im angloamerikanischen Raum durch die verschiedenen Ansätze der stilbildenden Vordenker Delbrück und Greasy. Ebenfalls sehr interessant ist aus deutscher Sicht die Beschreibung der Marginalisierung der akademischen Militärgeschichte, die im 20. Jahrhundert auch in den USA stattfand. Sehr vieles von dem, was die Autoren da an politischen, sozialen und kulturellen Faktoren beschreiben, muss deutschen Militärhistorikerinnen und Militärhistorikern sehr bekannt vorkommen - und es sollte sie zum Grübeln bringen, ob die Entwicklung der deutschen akademischen Militärgeschichte wirklich ein solcher Sonderfall war. Dies gilt ganz besonders, wenn man dann liest, wie sich die Militärgeschichte über den gekünstelt unblutigen "War & Society"-Ansatz quasi über die Hintertür wieder Zugang zum Campus verschafft hat und welche Selbstzweifel diese Methode bei vielen Militärhistorikerinnen und Militärhistorikern ausgelöst hat - diese Debatte führten wir in Deutschland vor wenigen Jahren ebenfalls. Abgeschlossen wird das Kapitel dann logischerweise mit den neuen Einflüssen der globalen Perspektive und der Kulturgeschichte. Das Kapitel ist insgesamt bis auf kleine Aussetzer ("war manuals" als Tradition der Militärgeschichte?) sehr flüssig und überzeugend geschrieben.

In "Conceptual Frameworks" beschreiben die Autoren dann sehr knapp, welche Erklärungsmuster in der Militärgeschichte herrschten und herrschen. Sie identifizieren hier vor allem zwei erdrückende Altlasten: Zum einen die militärhistorische Variante der "Geschichte großer Männer", die sogenannte "Great Captain History", und zum anderen die Konstruktion des "Technological Determinism", bei dem die "gee whiz attractiveness" (S.47) von Militärtechnik differenzierte Analysen überdeckt. Beide Perspektiven sind für ernsthafte Wissenschaft natürlich schon lange passé, sie überleben allerdings in der populären Militärgeschichte für den breiten Markt weiter und es erscheint wie eine Sisyphusarbeit, dies ändern zu wollen: "The trouble for proponents of such views is that complex, contingent, multicausal arguments that start from nuanced views of social structure, economic activity, and cultural tendencies are harder to explain clearly than monocausal formulas, whether technology or [...] geography ist the single cause." (S.79f)

Neben diesen beiden Problemen leidet die akademische Militärgeschichte laut den Autoren auch daran, dass aus den Produktionen der Militärgeschichte der Armeen oft immer noch eine teleologische Rationalitätsdiktatur trieft: Alles wird nach den Werten und Normen des modernen westlichen Militärs bewertet, und ergibt es nach diesen Vorgaben keinen Sinn, so ist es dumm oder überflüssig - von kulturellen und zeitlichen Kontexten keine Spur. Dies ist eine sehr feine Analyse der Autoren, die zwar nicht auf die deutsche militärische Militärgeschichtsschreibung zu übertragen ist, die dieses Stadium schon lange hinter sich gelassen hat, aber dennoch allgemein für viele Produktionen auch deutscher Herkunft besonders für den populären Markt gilt. Die Autoren beziehen hier eindeutig und wortreich Stellung für dekonstruktivistische und strukturalistische Ansätze - sehr lobenswert. Nach diesem starken Teil wird das Kapitel etwas wirr, da dann spezifisch militärhistorische Konzepte beispielhaft behandelt werden, bspw. die Trias Taktik/Operation/Strategie. Der Sprung von abstrakten Frameworks in konkrete Einzelfälle verwirrt etwas, zumal der dritte Teil des Kapitels dann wieder allgemeiner wird und (erneut spannend) die Einflüsse anderer Disziplinen auf die Militärgeschichte an kleinen Beispielen verdeutlicht: Anthropologie (militärischer Horizont, Debatte um den Ursprung von Krieg), Archäologie (Custer, Olympias), Politologie (Staatsbildungsmodelle) und eben Kulturwissenschaften. Dennoch liegt auch hier wieder ein spannendes und überzeugendes Kapitel vor.

Das Kapitel "Current Controversies" soll Interessierten verdeutlichen, was und wie gerade in der Militärgeschichte diskutiert wird. Die Autoren greifen hier als Beispiele wieder die üblichen beiden Schwergewichte heraus: Die "Military Revolution/RMA"-Debatte und die Debatte um den "Western Way of Warfare". Beide müssen in so einem Buch skizziert werden und die Autoren schaffen das auch auf knappen Raum - und beziehen dabei sogar noch eine (als solche klar markierte) Position zu beiden Debatten. Als weitere Beispiele dienen die "Roman Continuity"-Diskussion, die "Giving up the gun"-Theorie und die mäandernde Diskussion um den Begriff Blitzkrieg. Hierbei schaffen sie es, bei jeder Diskussion die zentralen Argumente kompakt darzustellen und so Lust auf mehr zu machen.

Im Kapitel "Doing Military History" skizzieren die Autoren in aller Kürze denkbare Arbeitsfelder, wobei hier auffällt, dass sie einerseits sehr originell vorgehen, wenn sie neben Forschung auch auf Vermittlung wie Fernsehserien, Reenactment, Board Games und Computerspiele eingehen, aber andererseits Museen schlicht und einfach vergessen. In diesem Kapitel ist auch ein Teil über die Quellen der Militärgeschichte enthalten, und dieses stellt mit Sicherheit den Schwachpunkt des Buches dar: Hier wird die zentrale Säule der Disziplin in wenigen Seiten kaum mehr als kursorisch gestreift. Es werden Quellensorten nur stichwortartig erwähnt, eine kritische prinzipielle Diskussion und auch die gewählten Beispiele werden im Eiltempo abgehandelt. Ganze Quellengruppen fallen einfach hintenüber. Das Kapitel ist derartig schwach, dass es einen wundert, dass es in einem sonst so wunderbar kompakten Buch Platz gefunden hat.

Fazit

Gerade das letzte Kapitel macht weiterhin ein Charakteristikum des Buches klar: Es ist für ein US-amerikanisches Publikum geschrieben und es bezieht sich immer auf US-amerikanische Strukturen: Sei es nun bei der Auswahl der Fachzeitschriften, beim status quo an den Universitäten oder bei der Beschreibung der drei Sorten der Militärgeschichte. Das kann sehr spannend sein, wie oben schon erwähnt wurde. Wenn dieses Buch aber als Einführung an deutschen Universitäten genutzt werden soll, so kann dies von deutschen Anfängerinnen und Anfänger manchmal auch einfach als überflüssig empfunden werden. Gleiches gilt für die gute, aber eben rein englische "Further reading"-Liste. Beiliebe kein unüberwindbares Problem, aber ein Aspekt, der bedacht sein will.

Insgesamt ist das Buch aber vor allem eines: Ein flüssig und schlagfertig geschriebenes, gut hergeleitetes und mitunter leidenschaftlich gehaltenes Plädoyer für eine moderne und differenzierte Militärgeschichte. Und als solches eindeutig zu empfehlen.