Migration in Seelze

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Inhaltsverzeichnis

Spurenfinden in Seelze

Die neuere Geschichte ist auch eine Geschichte der Wanderung und der Mobilität von Menschen. Im 19. Jahrhundert verstärkten sich die Wanderungen aber im Vergleich zu den Jahrhunderten zuvor auf ein ungeahntes, großes Maß. Zunächst wanderten die Menschen nach Amerika aus, später auch in die neu entstehenden Industriezentren Deutschlands. Es war ein doppeltes Geschehen: in den Heimatländern, meist abgelegene ländliche Gebiete, gab es nicht genügend Arbeit, in den Zielgebieten dagegen bestand die Möglichkeit, durch harte Arbeit eine bessere Existenz aufbauen zu können. So zogen die Menschen quer durch Europa, von den wenig attraktiven agrarischen Gebieten in die teilweise weit entfernt liegenden Zentren.

Wer bei diesen „Zentren“ aber immer nur an Großstädte oder riesige Industriereviere wie das Ruhrgebiet denkt, übersieht, dass es auch kleinere Industriegebiete gab. Eines davon, Seelze bei Hannover, war noch um 1850 ein kleines Dorf. Mit der in Hannover um 1850 einsetzenden Industrialisierung wurde aber auch Seelze für Unternehmen interessanter. Etwa um die Jahrhundertwende zogen mehrere Firmen aus der benachbarten Provinzhauptstadt hierher, wo es billiges Bauland gab und außerdem eine wichtige Eisenbahnlinie den notwendigen Anschluss an die Märkte herstellte. Seelze und das benachbarte Letter entwickelten sich innerhalb weniger Jahre zu mittelgroßen Städten mit einer zahlreichen Industriearbeiterschaft. Hiervon handeln die folgenden Texte. Sie zeigen, woher die Menschen kamen, wie viele es waren und weshalb sie kamen. Denn im Verlauf des 20. Jahrhunderts kamen sie nicht mehr nur, weil es hier Arbeit gab, sondern auch, weil sie aus ihrer alten Heimat vertrieben wurden. Die folgenden Texte basieren auf einer Arbeit von Studierenden des Historischen Seminars, die in Zusammenarbeit mit dem Heimatmuseum Seelze-Letter erfolgte. Sie dient u.a. der Vorbereitung einer Ausstellung, die im nächsten Jahr in Seelze-Letter gezeigt werden soll. Praxisnahe Arbeiten wie diese haben eine lange Tradition hier in Hannover am Historischen Seminar. Schon seit über 20 Jahren erforschen angehende Historikerinnen und Historiker die Geschichte ihrer Region und veröffentlichen ihre Arbeitsergebnisse in Form von Büchern, Aufsätzen oder Websites, sie beteiligen sich an der Erarbeitung von Präsentationen und Ausstellungen. Auf diese Weise lernen sie nicht nur die akademische Lehre kennen, sondern auch, wie in Archiven gearbeitet wird, sie arbeiten in kleinen Gruppen und sie werden gezwungen, ihre Ergebnisse so aufzubereiten, dass sie auch von Nichthistorikern verstanden werden.

Wohnnissen in Seelze nach 1945


Prof. Dr. Karl H. Schneider

Von Dörfern zur Stadt

Wenn man sich mit der Geschichte der Stadt Seelze beschäftigt, merkt man sehr schnell, dass es die Stadt Seelze in der heutigen Form noch gar nicht lange gibt. Die nach der Verwaltungs- und Gebietsreform 1974 zu einer Großgemeinde zusammengefassten 11 Dörfer wurden erst 1977 zur Stadt Seelze. Ebenso fällt sofort auf, dass die verschiedenen Stadtteile nicht nur räumlich, sondern auch in Bezug auf ihre Einwohnerzahlen, recht weit auseinander liegen. Dies war keineswegs immer so, sondern ist das Ergebnis von historischen Entwicklungen, die während der Industrialisierung besonders Ortsteile Letter und Seelze begünstigten.

Den wichtigsten Zugang zu den historischen Einwohnerzahlen bieten zu Beginn statistische Handbücher, wie z. B. die statistischen Handbücher des Königreichs Hannover oder, während der Preußenzeit, der Provinz Hannover. Ebenso bietet das Werk von Gustav Uelschen "Die Bevölkerung in Niedersachsen 1821 - 1961" eine erste Datenbasis. Jedoch wird gerade an diesem Werk verdeutlicht, wie wichtig auch die selbstständige Quellenanalyse für Historiker ist, da Sekundärliteratur fehlerhaft sein kann. Die Auswertung der Akten aus dem niedersächsischen Hauptstaatsarchiv ergab schließlich minimale bis erhebliche Abweichungen von den Zahlen Uelschens.

Meldebuch Seelze

Auch wenn die "Zählung der Volksmenge und der Wohngebäude" aus dem 19. Jahrhundert Abweichungen zu den Daten Uelschens aufwies, so bestätigte sich doch zumindest die Gesamtentwicklung der Seelzer Dörfer. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bewegten sich noch alle Dörfer zwischen 130 und ca. 400 Einwohnern. Erst die Industrialisierung brachte um 1900 den entscheidenden Entwicklungsschub für Seelze und Letter. Nachdem in Seelze bereits 1847 ein Bahnhof gebaut wurde, wirkte sich dieser Verkehrsanschluss besonders positiv aus, als zwischen 1898 und 1902 die Chemische Fabrik Riedel-de Haën entstand. Auch Letter profitierte stark von der Industrialisierung um die Jahrhundertwende. Hier entstanden 1903 ein Werk von Continental und zwischen 1906 und 1909 der damals größte Rangierbahnhof Norddeutschlands. Verlief die Bevölkerungsentwicklung in den Seelzer Dörfern bis dahin recht homogen, so entwickelten sich Letter und Seelze nun sprunghaft, während sich die übrigen Dörfer weiter nur langsam entwickelten. Bei Ausbruch des 2. Weltkriegs 1939 zählten Letter und Seelze jeweils ca. 3800 Einwohner, während Dedensen als größtes der übrigen Dörfer nur etwa 600 Einwohner hatte. Nach dem Krieg hatten alle Seelzer Dörfer einen großen Bevölkerungszuwachs zu verzeichnen, was hauptsächlich auf den Zuzug von Flüchtling und Vertriebenen zurückzuführen ist. Während Letter und Seelze sich weiter stark vergrößerten und in der Spitze über 12.000 bzw. 10.000 Einwohner zählten, so blieben Dedensen, Gümmer, Lohnde und Velber zwischen 2000 und 3000 Einwohnern stehen. In den übrigen Dörfer leben bis heute auch weiterhin unter 1000 Einwohnern.

Es ist eindeutig, dass die Entwicklung von Letter und Seelze ohne die Eisenbahn, die den Industriebetrieben den Verkehranschluss sicherte, nicht ihre heutige Größe erreicht hätten. Vielmehr würden sich beide Ortsteile wohl mehr oder weniger auf dem Niveau von Lohnde oder Dedensen befinden. Stattdessen zählt die Stadt Seelze heute um die 35.000 Einwohner, wobei allein Letter ein Drittel dazu beiträgt. Seelze und Letter können heute auf eine bewegte Industriegeschichte zurückblicken, die exemplarisch dafür ist, welchen großen Einfluss die Eisenbahn während der Industrialisierung haben konnte.

Migration in Meldebüchern

Die Forschung zur Migration enthält ein weites Feld an Fragen. Eine der Quellen diese zu klären, sind die, auf den ersten Blick recht trockene, da statistische, An- und Abmeldebücher der Städte und Gemeinden. Sie enthalten Informtaionen (wie etwa den Namen, das Geschlecht, das Alter, den Beruf und Geburstort), die uns nähere Erkenntnisse über Migrationsprozesse liefern.

Meldebuch Seelze

In unserem Fall beschäftigten wir uns mit den Gemeinden Seelze und Letter in der Zeit von 1899 – 1907. Von den rund 3.300 verzeichneten Personen waren ¾ männlichen und nur ¼ weiblichen Geschlechts, von denen die Mehrheit unverheiratet und zwischen 20 bis 30 Jahre alt waren. Neben dieser jungen und ungebundenen Gruppe gesellte sich eine nicht minder große Gruppe von verheirateten - meist älteren - Personen, die auf der Suche nach besserer Arbeit und Entlohnung, mal kürzer, mal länger in Seelze und Letter verblieben. Religiös hätten sie ihre Heimat in der lutherischen Gemeinde finden können, da rund 60% der Einwohner evangelisch-lutherisch waren.

Viele Zugezogene dürften in Seelze und Letter ohnehin nur geringe Schwierigkeiten bei der Eingewöhnung gehabt haben, denn die Mehrzahl der verzeichneten Personen stammten aus der heutigen Region Hannover. Ihnen standen jedoch eine beachtliche Gruppe aus den Ostgebieten des damaligen deutschen Reiches zur Seite und weisen den beiden Gemeinden dadurch einen kleinen Platz in der damaligen „Westwanderung“ zu. In unserem Untersuhungszeitraum melden sich auch etliche Italiener, Österreicher, Russen und Niederländer (jeweils in den Grenzen bis 1918) neu an, die beim Bau des Rangierbahnhofs beteiligt waren.Damit gehörten die letztgenannten Gruppen zu dem Teil der Gemeldeten, die, ab 1903 stetig anwachsend, schon bald alle anderen Berufe in den Schatten stellten – den Arbeitern. Jene führten durch ihren vermehrten Zuzug zu einer Verzerrung der Statistik, denn in Letter und Seelze nahm sowohl die Anzahl der Beschäftigten in der Landwirtschaft, als auch die im Handwerk prozentual ab, obwohl ihre Anzahl weiterhin zunahm. Doch der „massenhafte“ Zuzug – im Grunde blieben nur 1000 Personen dauerhaft in den vorher kleinen Dörfern – von Arbeitern, veränderte vor allem Seelze, das sich in einen kleinen Industriestandort verwandelte.

Zusammen mit der männlichen Arbeiterschaft, kamen, wenn auch nur sehr selten verzeichnet, die ersten Arbeiterinnen. Doch wurden die meisten Frauen, selbst wenn sie gearbeitet haben sollten, weiterhin als Ehefrauen in den Meldebüchern geführt, was den Anschein erweckt, als wären die Berufsperspektiven für Frauen, zumindest in den untersuchten Gemeinden, weiterhin durch die klassischen Berufszweige – Landwirtschaft, Haushalt und Kindererziehung-, bestimmt gewesen.

Zusammenfassend kann demnach gesagt werden, dass der typische Migrant für Seelze und Letter männlich, zwischen 20-30, lutherisch, ledig, von Beruf Arbeiter und zum größten Teil aus der Region Hannover war.

Eisenbahn – Motor der Entwicklung

Nicole Rogl

Magnet für Arbeiter und Impulsgeber für die Wirtschaft – der Eisenbahnanschluss prägte maßgeblich die Entwicklung des Ortes. Seelzes verkehrsgünstige Lage am Schnittpunkt der Ost-West- und der Nord-Süd-Verkehrslinien sowie die Anbindung an die Autobahn wirkt sich bis heute positiv aus. Von 1847 bis 1892 war Seelze einziger „Anhalt“ auf der Strecke Hannover–Wunstorf, dann bekam Dedensen und 1915 schließlich Letter einen Haltepunkt.

Um das stetig wachsende Verkehrsaufkommen im Raum Hannover zu bewältigen, mussten effektive Maßnahmen getroffen werden: im Frühjahr 1905 begannen die Bauarbeiten der Güterumgehungsbahn Seelze – Wunstorf, ab 1906 wurde der Rangierbahnhof in Seelze errichtet. Seelzes Wandlung vom landwirtschaftlich geprägten Dorf zur Eisenbahnerstadt war somit unaufhaltsam, denn – wie Akten des Bezirkauschusses zeigen - es waren viele Bauern gezwungen ihr Ackerland zu verkaufen oder wurden sogar enteignet. Der heutige Ortsteil Letter erfuhr durch die Nähe zur 1878 eröffneten Ausbesserungswerkstatt Leinhausen früher als Seelze einen starken Zustrom an Eisenbahnarbeitern, noch bevor die Bevölkerung auch dort durch die Bauerbeiten anstieg. Die Auswertungen der Meldebücher belegen eine Zuwanderung von zumeist ledigen männlichen Erdarbeitern, insbesondere aus Holland und Italien, die ab 1905 die Bahndämme aufschütteten. In Seelze meldeten sich im ausgewerteten Zeitraum von 1905 bis 1907 etwa 250 vorwiegend italienische und niederländische Arbeiter neu an. Jedoch ist davon auszugehen, dass auch viele Tagelöhner, die zuvor für Bauern in der näheren Umgebung tätig waren, beim Bau der neuen Verkehrsader beteiligt waren.

Das Foto wurde vermutlich 1907 oder während des ersten Weltkriegs aufgenommen.


Durch den rasanten Anstieg der Bevölkerung herrschte in Seelze extreme Wohnungsnot. Nach Unstimmigkeiten mit der Gemeinde entstand eine Kooperation zwischen der Deutschen Reichsbahn und der Heimstätten-Baugenossenschaft, die schließlich die Entstehung der Häuser an der Döteberger- und Heimstättenstraße, die sogenannte „Heimstätte“, hervorbrachte, die von 1923 bis 1933 gebaut wurden. In Letter entstanden um 1909 etwa 60 Neubauten. Somit rückte Letter räumlich immer näher an den Rangierbahnhof heran. Die Deutsche Bahn AG wurde erst spät ein einheitliches Unternehmen. Auf dem anvisierten Weg an die Börse wurde historischen Dokumenten leider nicht viel Wert beigemessen. Über den Betrieb auf dem Rangierbahnhof gibt es ausreichend Material, doch leider liegen keine Akten vor, die den Bau des Rangierbahnhofs in Seelze zum Gegenstand haben.

Heute hat der Rangierbahnhof als Arbeitgeber an Bedeutung verloren. Beschäftigte der Rangierbahnhof 1988 noch ca. 1200 Mitrabeiter so waren es Ende 2005 noch 395. Wichtiger Standortfaktor ist die Eisenbahn dennoch, bewältigt der Nahverkehr doch täglich die Seelzer Pendlerströme in die Landeshauptstadt.

Abenteuer Recherche – Conti in Seelze

„Die Continentalwerke Hannover eröffneten zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Zweigstelle in Seelze. Neben der Nutzung zur Wiederaufbereitung von Materialien diente dieses Werk im späteren Verlauf als Lagerstätte. Der Zeitraum der Nutzung der Anlage kann zwischen 1902/1903 und 1931/32 bzw. dem Zweiten Weltkrieg datiert werden.“ Mit diesen Informationen starten wir in ein historisches Abenteuer ohne zu wissen, wie kompliziert, schwierig und undurchschaubar der Dschungel an Fakten und widersprüchlichen Informationen sein kann.

Doch bevor wir zu ersten Ergebnissen kamen, galt es zunächst ganz andere Hindernisse zu überwinden. Am Beginn unserer Recherche stand der Besuch im Hauptstaatsarchiv Hannover. Durch die Hilfsbereitschaft eines Archivars fanden wir einen Artikel des im Hannoverschen Couriers vom 12. April 1907, der über den Zukauf von Gelände der Conti berichtet sowie über die Errichtung eines Erholungsheims der Continental am 28. Mai 1911.

In einem Jubiläumsband der Continental, in dem die Inbetriebnahme der Zweigstelle auf 1903 datiert ist, fanden wir außerdem ein Foto der Fabrik. Da die Geschäftsberichte der Conti in der Landesbibliothek als vermisst gelten und wir vergebens die Archive der lokalen Presse durchforsteten, geisterten in unseren Köpfen verschiedene „Verschwörungstheorien“ herum: gab es bei so vielen Hindernissen wohl etwas im Continentalwerk Seelze zu verbergen? Diese wilde Annahme wurde zusätzlich von einem kurzen Gespräch mit dem Archivar des Continentalswerkes, der die Zweigstelle als reine „Lagerstätte“ titulierte genährt. Gleichzeitig sprach der Conti-Archivar von ein paar wenigen Beschäftigten, was sich mit unserem Vorwissen von bis zu 300 Mitarbeitern keineswegs deckte.

Durch einen Bericht in den „Seelzer Geschichtsblättern“ bekamen wir eine neue Spur. Über den Augenzeugenbericht von einem alten Seelzer stießen wir auf den Hinweis, dass Juden als Zwangsarbeiter in dem Werk tätig gewesen sein müssen. Erneut drängte sich die Frage nach dem wirklichen Sinn und Zweck des Seelzer Continentalwerkes auf. Seit einem Besuch im Seelzer Stadtarchiv und einem Treffen mit einem Seelzer, der über eine gut sortierte Postkartensammlung vefügt, bereichern Augenzeugenberichte sowie einige Original-Fotos unser kleines Sammelsurium an Informationen und Fakten. Doch damit kamen wir dem eigentlichen Ziel, der genauen Eingrenzung und Beschreibung des Continentalwerkes, nur sehr zögerlich auf die Spur.

Hoffnung setzen wir jedoch noch in Gespräche mit alten Seelzern, die wir bald zu diesem Thema befragen wollen, wer weiß – vielleicht fängt das Abenteuer dann erst richtig an.

Falk Melzer und Sascha Roder

Zwangsarbeiter in Seelze

Die Zwangsarbeit während des Zweiten Weltkriegs und die damit verbundene zwangsweise Mobilisierung von Millionen von Menschen prägte die Stadtbilder in der Zeit von 1939 bis 1945. Die massive Arbeitslosigkeit am Ende der Weimarer Republik wurde vor allem durch die weitreichende Aufrüstung in den ersten Jahren des Dritten Reichs beseitigt. Bedingt durch die besseren Erwerbsmöglichkeiten in den großen Rüstungsbetrieben der Städte setzte eine Landflucht ein, welche die Landwirtschaft den aufkommenden Arbeitskräftemangel am ehesten spüren ließ.

Da die im Ausland angeworbenen freiwilligen Arbeitskräfte bei weitem nicht ausreichten, um den Mangel zu beheben, wurde die Zwangsverpflichtung von Arbeitern in den von der Wehrmacht okkupierten Gebieten die Regel. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs waren die deutsche Industrie, das Handwerk sowie die Landwirtschaft von der Zwangsarbeit abhängig. Seelze und die umliegenden Ortsteile bildeten hier keine Ausnahme.. Die Zwangsarbeiter kamen bei den großen Industriebetrieben wie Riedel-de Haën ebenso zum Einsatz wie auf den Bauernhöfen in der Seelzer Umgebung. Die Herkunft der Zwangsarbeiter war hierbei sehr vielfältig. Anfangs kamen die meisten von ihnen aus Polen. Zum Ende des Krieges leisteten größtenteils Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion in Seelze Zwangsarbeit. Für diesen Teil des Projektes ist die Quellenlage leider schwierig, eine vollständige Anmeldung der Zwangsarbeiter bei der Gemeinde Seelze ist nicht erfolgt.

In erster Linie waren die in Seelze beschäftigten Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen in Lagern im Ort untergebracht. Diese waren meist direkt an die Arbeitsorte angeschlossen, ein Beispiel hierfür sind die beiden Barackenlager in direkter Nähe der Fabrik Riedel-de Haën. Die Unterbringungs- bzw. Haftbedingungen und die Entlohnung richteten sich meist nach der Herkunft der Arbeiter und danach, ob sie Zwangsarbeiter oder arbeitende Kriegsgefangene waren. Die Unterkünfte wurden teilweise durch Wehrmachtseinheiten oder auch durch Betriebsangehörige des Arbeitgebers bewacht.

Nach Ende des Krieges haben alle Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, einschließlich ihrer Kinder, die teilweise in Seelze geboren wurden, den Ort verlassen. ,,Geblieben“ sind nur jene, die bei Arbeitsunfällen, durch Selbstmord oder z.B. bei Bombenangriffen ums Leben kamen.

Die Gemeinde Seelze und die Stadt Hannover erreichen seit dem Zusammenbruch des Ostblocks zahlreiche glaubwürdige Briefe, in denen ehemalige Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter mehr oder weniger detailliert über ihre Zeit in Seelze berichten. Die Briefe sind teilweise Bittschriften zwecks finanzieller Unterstützung, oftmals aber auch nur Nachfragen nach verstorbenen Angehörigen und Bestätigungen über deren Anwesenheit im Ort. Offizielle Entschädigungen gab es bis vor 3 Jahren noch nicht. Erst im Jahr 2002 wurde ein diesbezüglicher Fond eingerichtet, an dem sich auch der heutige Eigner der ehm. Riedel-de Haën Werke, die Firma Honeywell, beteiligt.

Sascha Schweitzer und Thomas Lange

Neue Heimat Seelze

Zu Beginn der 1980er Jahre lebten etwa 77 Millionen Menschen außerhalb ihres Herkunftslandes. Für den Anfang des 21. Jahrhunderts wird die Zahl der Migranten auf etwa 150 Millionen weltweit geschätzt. Die regionalen und innerstaatlichen Bewegungen und Ortswechsel dazunehmend, steigt die Zahl rapide. Mobilität und Migration gehören zu den alltäglichen Erfahrungswelten der Menschen. Das Beispiel von Seelze, wo Ende 2002 ca. 2.544 Migrantinnen lebten, macht es anschaulich. In der Ausstellung werden auch Interviews mit Zuwanderern einen wichtigen Platz haben. Sie sollen darlegen, welchen Weg die Zuwanderern genommen haben und aus welchen Gründen, mit welchen Ängsten und Hoffnungen sie nach Seelze gekommen sind. Ein Interview wollen wir in diesem Rahmen einmal vorstellen.

"Ich stamme aus Wolhynien, einem Gebiet im westlichen Teil der heutigen Ukraine. Als ich dort im März 1934 geboren wurde, gehörte Wolhynien zur Republik Polen. In unserem Dorf lebten ukrainische, jüdische polnische und deutsche Familien. Die meisten Deutschen waren evangelisch-lutherisch, einige auch Baptisten. Ihre Vorfahren waren im 19. Jahrhundert hierher eingewandert. Ich wuchs bei Pflegeeltern auf, die untereinander niederdeutsch („plattdeutsch“) sprachen, mit mir aber hochdeutsch. Sie hatten einen eigenen Bauernhof, zu dem 12 Desjatinen (etwa 13 ha) eigenes Land gehörten.

Wie es im Hitler-Stalin-Pakt vereinbart worden war, okkupierte die Sowjetunion im Herbst 1939 das damalige Ostpolen bis zum Bug. Die Wolhynien-Deutschen sollten in den westlichen Teil Polens, den das Deutsche Reich okkupiert hatte und der nun „Reichsgau Wartheland“ hieß, umgesiedelt werden. Im Januar 1940 wurden wir mit Pferdeschlitten zum Bahnhof Kostopol gebracht; mit der Eisenbahn – zuerst in ungeheizten Viehwaggons, ab Brest in Personenwagen – ging es weiter nach Lodz. Nach einiger Zeit im Lager wurden wir mit der Eisenbahn in das Sudetenland transportiert und auch dort wieder in einem Lager untergebracht. Vor dieser Reise hatten wir die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten.

Im Juni 1940 wurde uns – wie auch anderen deutschen Familien aus Wolhynien – im „Warthegau“ ein Bauernhof zugewiesen. Die polnischen Eigentümer waren erst ganz kurz zuvor hinausgesetzt worden und hatten alles zurücklassen müssen: Möbel, Geschirr und auch das Vieh. Als mein Pflegevater den Hof unter diesen Umständen nicht übernehmen wollte, sagte ein deutscher Beamter zu ihm: „Wenn Sie nicht wollen … Wir können auch anders.“ Mein Pflegevater hat daraufhin erklärt, er werde den Hof nur „verwalten“, also nicht als eigenen annehmen (so hat er es mir später erzählt).

Als sich im Januar 1945 die Front näherte, beluden wir einen Pferdewagen mit Betten, Kleidung und Lebensmitteln und flohen in einem Treck bis kurz vor Leipzig. In einem Dorf kamen wir bei Bauern unter. Die Einheimischen nahmen uns sehr unwillig auf. Die ganze Familie – meine Pflegeeltern, die Großmutter und ich – musste in einem Zimmer hausen. Freunde aus Leipzig versorgten uns mit dem Nötigsten: Kochtöpfen, Geschirr und Bettzeug. Im September 1945 mussten wir in ein Sammellager bei Naumburg umziehen, von dort aus sollten die Russlanddeutschen in die Sowjetunion zurückgeführt werden. Die Leute aus Wolhynien blieben aber schließlich davon verschont, während die Schwarzmeer-Deutschen abtransportiert wurden.

Nach einer Woche, in der wir unter freiem Himmel kampiert hatten, kehrten wir in unsere vorherige Unterkunft zurück, wo man uns allerdings erst nicht wieder aufnehmen wollte. „Unser” Bauer sperrte einfach den Hof zu, als wir mit unserem Pferdewagen vor dem Tor standen. Mein Pflegevater hat dann aber durchgesetzt, dass wir wieder einziehen durften. Als in der Sowjetischen Besatzungszone im Rahmen der „Bodenreform“ die Gutsbesitzer enteignet wurden und ihr Land Siedlern übertragen wurde, sollte auch mein Pflegevater einen Hof übernehmen. Er hat sich anfangs dagegen gewehrt, da er mit dem Pferd, das wir aus Polen mitgebracht hatten, ein kleines Fuhrunternehmen begonnen hatte. Ihm wurde aber gedroht, dass man ihm das Pferd wegnehmen werde, wenn er nicht „Neusiedler“ werden wolle. So haben wir dann im Februar 1946 eine Bauernstelle mit 5 Hektar erhalten. 1950 mussten wir den Hof in eine „Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG)“ einbringen.

Ich ging noch bis 1948 zur Schule. Danach habe ich zuerst in der Landwirtschaft meiner Pflegeeltern gearbeitet und anschließend in einer Schuhfabrik in Weißenfels. 1956 fuhr ich nach Hannover, um eine Cousine zu pflegen, die Hilfe brauchte. Nach kurzer Zeit lernte ich meinen heutigen Mann kennen, der in Letter wohnte, und so blieb ich hier."

Justyna Turkowska und Horst Henze

Seelze-Süd – zu jung für Historiker?

Wenn man sich mit der Geschichte einer Stadt beschäftigt, darf der Blick auf die heutige Situation natürlich nicht fehlen. Doch ist das Neubaugebiet Seelze-Süd nur ein aktuelles Thema? Nein, denn Seelze Süd ist sogar als Siedlungsplatz bekannt und es fand eine Ausgrabung statt, bevor das „neue“ Seelze-Süd in Erscheinung treten konnte. Wir haben dies zwar nicht zu unserem Hauptthema gemacht aber ist es nicht interessant zu sehen, dass dieser Ort schon damals für eine Siedlung ausgewählt wurde?

Unser Hauptaugenmerk liegt auf dem, wie man jetzt sagen müsste, neuen Seelze-Süd. Woher kommen die Menschen, die in diesem neuen Stadtteil wohnen? Warum fiel die Entscheidung auf das Neubaugebiet in Seelze? Diese neue Siedlung gab uns die Möglichkeit, Mobilität mit eigenen Augen zu erleben und ein bisschen nach ihren Gründen zu forschen. Während sonst Siedlungsgeschichte eher der Rekonstruktion verschiedener Menschenleben gleicht, war es hier möglich „live“ dabei zu sein.

Doch auch für das „neue“ Seelze-Süd gab es Planungen und Planer, die Vergleiche auf verschiedenen Ebenen durchführten um festzustellen, ob ein neues Wohngebiet eher in Seelze Süd oder zum Beispiel am Heisterberg nahe Letter entstehen sollte. Diese Vorauswahl noch mal durch Unterlagen nachvollziehen zu können und die Entwicklung der Siedlung zu sehen, war sehr interessant. Geschichte zum Anfassen.

Antje Lenhardt und Ilka Daerr