Militärgeschichte200X

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Der folgende Artikel ist das (minimal redigierte) Manuskript eines Vortrages, der als Eröffnung auf der Herbsttagung 2008 des Arbeitskreises für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts der Historischen Kommission für Niedersachen und Bremen am 29.11.2008 gehalten wurde. Er war in Absprache mit den Organisatoren als bewusst sehr allgemein gehalten angelegt und ist daher als einführender Text für die LWG sehr gut geeignet. Bitte behalten Sie beim Lesen im Kopf, dass es sich ursprünglich um ein Papier gehandelt hat, das zum 'Sprechen' gedacht war, nicht zum Lesen. Das erklärt einige stilistische Ungewöhnlichkeiten und die fehlenden Belege. Am Ende der Seite findet sich der Artikel auch noch einmal in (leichter lesbarer) PDF-Form zum Download.




Militärgeschichte 200X – wer produziert was für wen? (Raths, 2008)


Was ist Militärgeschichte? Es handelt sich um eine Subdisziplin der allgemeinen Geschichte. Schon Hans Delbrück, der gemeinhin als Begründer der akademischen Militärgeschichte in Deutschland betrachtet wird, stellte noch vor dem Ersten Weltkrieg fest:


„Die Geschichte der Kriegskunst ist ein einzelner Faden in dem Zusammenhange der Universal-Geschichte und beginnt mit dieser.“


Eine ganz normale Subdisziplin also. Militärgeschichte wird hier verstanden als eine sinnvolle und alltägliche, arbeitsteilige und vertiefende Spezialisierung der allgemeinen historischen Fachwissenschaft, nicht anders als bspw. Agrargeschichte, Geschlechtergeschichte, Kunstgeschichte, Technik- oder auch Regionalgeschichte.

Schön wär’s.

Es gibt kein geschichtswissenschaftliches Feld, das so sehr von verbindlichen Befindlichkeiten geprägt ist – und das in vielerlei Hinsicht. Lassen Sie mich kurz einige dieser Spannungsfelder skizzieren, denn nur aus der Bestandsaufnahme heraus kann ein Blick in die Zukunft sinnvoll sein. Die folgenden drei Punkte sind dabei interdependent.

Der erste problematische Punkt ist, dass die Frage, wer überhaupt Militärgeschichte betreiben darf, im Gegensatz zu anderen historiographischen Feldern nicht klar entschieden ist. Niemand käme auf den Gedanken, dass Agrargeschichte nur von Bauern betrieben werden darf, oder dass ein Kunsthistoriker selbst mindestens ein weltbewegendes Kunstwerk produziert haben muss, um über andere Kunstwerke zu schreiben.

Bei der Militärgeschichte verhält sich diese Frage seit jeher anders. Davon ausgehend, dass die Organisation Militär einerseits und besonders das Erlebnis des Krieges andererseits Erfahrungen sui generis seien, die mit objektiven Werkzeugen von Außenstehenden nur begrenzt, wenn überhaupt, durchdrungen werden kann, herrschte lange Zeit der Gedanke vor, dass Zivilisten prinzipiell nicht in der Lage seien, Militärgeschichte sinnvoll zu produzieren. Dieses Argument wurde natürlich in verschiedenen Absolutheitsgraden hervorgebracht – mal wurde ein gewisse Zeit beim Militär als ausreichend betrachtet, mal musste mindestens ein Gefecht in der Biographie des Forschers vorkommen, manchmal wurde darauf beharrt, dass nur Berufssoldaten überhaupt das geistige Rüstzeug für Militärgeschichte aufweisen könnten.

Nun könnte man diese Forderung als abgehakt betrachten, seitdem die Militärgeschichte mit fachwissenschaftlichen Methoden durchdrungen wurde. Das Interessante ist nur: Dem ist keineswegs so. Historiker, die sich mit dem Militär beschäftigen, werden stets und immer wieder auf das Vorurteil treffen, dass Sie eigentlich gar nicht zu dem befähigt seien, was Sie da tun. Der Gedanke, man müsste eher Soldat sein, oder zumindest gewesen sein, als Historiker, um Militärgeschichte zu schreiben, hält sich immer noch. Das variiert natürlich. Beispielsweise kommt es auf die Epoche an – Mittelalterforscher sehen sich diesem Vorwurf praktisch kaum mehr ausgesetzt – ganz im Gegensatz zum letzten Jahrhundert - während Experten für den Zweiten Weltkrieg ihm kaum entgehen können.

Die Erfahrung unterscheidet sich auch je nach nationalem Zusammenhang – in den USA kann Ihnen dieser Vorwurf leichter unterkommen, als in Deutschland. Aber auch hier werden Sie damit konfrontiert werden, denn an dieser Stelle kommen wir zum zweiten Spannungsfeld: Für wen wird Militärgeschichte geschrieben?

Wenn Militärgeschichte wirklich eine normale Subdisziplin der allgemeinen Geschichte ist, so forscht sie primär zum Erkenntnisgewinn der Zunft und mit dem langfristigen Ziel, die Ergebnisse in das Geschichtsbild der Gesellschaft einfließen zu lassen. Das ist auch durchaus richtig, allerdings nur die halbe Wahrheit. Denn die Militärgeschichte weist im Bezug auf ihre Adressaten eine Janusköpfigkeit auf, die ein mindestens genauso großes Alleinstellungsmerkmal ist wie die Exklusionsdebatte rund um ihre Produzenten.

Das erste Problemfeld ist das der Applikation: Militärgeschichte entstand ursprünglich aus dem Wunsch des Militärs, aus vergangenen Kriegen für zukünftige Kriege zu lernen – eine Zielsetzung, die im deutschen Sprachraum als „applikatorische Methode“ bekannt wurde. Es handelte sich hier also eher um eine Facette des militärischen Handwerks. In dieser Perspektive ist die Qualifikation als Soldat in der Tat und einsehbar wichtiger als die historisch-fachwissenschaftliche Qualifikation. Die historische Fachwissenschaft hat sich das Feld erst mühsam erarbeiten müssen, besonders in Deutschland. Der Kampf Hans Delbrücks gegen die Militärs und ihr Bestreben, einen zivilen Lehrstuhl für Militärgeschichte zu verhindern, legt davon Zeugnis ab. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieser Schritt, wenn auch unter schweren Geburtswehen, durchgeführt: Die historisch-erkenntisorientierte Perspektive löste die militärisch-handwerkliche praktisch ab. Dieses sukzessive Modell wurde vor allem durch die spezifische deutsche Erfahrung des Zweiten Weltkrieges ermöglicht. Was sich übrigens schon im Terminus deutlich macht, den es vor 1945 überhaupt nicht gab. Man sprach von Kriegs- oder Wehrgeschichte – Militärgeschichte ist also an sich schon ein überraschend präzise auf die eigene Neukonstituierung hindeutendes Wort.

Dies gilt aber nicht für England und die USA – hier herrscht ein synchrones Modell vor. Hier wird Militärgeschichte immer noch zu einem guten Teil vom Militär dominiert. Selbstverständlich hat sich auch hier eine zivile, fachwissenschaftliche Zunft etabliert. Und natürlich haben daher fachwissenschaftliche Methoden Einzug beim Militär erhalten. Nichtsdestoweniger gilt, dass der Einfluss des Militärs als soziale Gruppe auf die Militärgeschichtsschreibung ungleich größer ist. Da Applikation dort kein Tabu wie in Deutschland ist, entwickelt sich daher ein ganz eigenes Feld von Militärgeschichtsschreibung, in dem die militärische Biographie des Autors plötzlich wieder relevant wird. Diese Parallelität führt naturgemäß zu Konflikten oder zumindest zu … Kommunikationsproblemen. Dieses Problem wird verschärft durch einen weiteren Punkt: Die Disziplin hat nämlich etwas, was sonst nur sehr wenige Spielarten der allgemeinen Geschichte vorweisen können: Eine große Zahl von Fans. Und damit sind wirklich Fans gemeint. Personen, die wahre Regalkilometer an militärhistorischer Literatur anhäufen. Besonders für den angelsächsischen Raum reden wir hier von einem wirklich großen kommerziellen Markt. In jeder besseren englischen Buchhandlung gibt es neben dem History-Regal ein mindestens halb so großes eigenes Military History Regal. In diesem Segment verschwimmen nun natürlich zwei Linien – einerseits fachwissenschaftlich saubere Historiographie, die naturgemäß den kleineren Teil ausmacht. Und andererseits zum überwältigenden Teil populärwissenschaftliche bzw. oft nur noch populäre Darstellungen von Schlachtgeschehen, Technik und Truppen. Diese Werke sind wiederum oftmals Spielwiese von ehemaligen oder noch aktiven Soldaten, die aus der applikatorischen Methode kommend leicht lesbare Bücher produzieren, die diesem Feld sehr entgegenkommen – und damit die verkopften Zivilisten in den Elfenbeintürmen weiter diskreditieren. Das daraus resultierende prinzipielle Problem auch für Deutschland ist, dass Militärgeschichte oftmals ausschließlich mit der Flut derartiger Zeugnisse gleichgesetzt wird – sogar von Fachkollegen. Es ist vor allem diese Produktion und ihre teilweise schlicht unangenehmen Fans, die der Militärgeschichte den Ruch des Unwissenschaftlichen, des Flachen, des akademisch Überflüssigen anhaften lässt. Dies ist die Region, in der man es oft mit Mythen und Verherrlichung, mit Heerscharen glühender Laien zu tun, die fern jeder fachwissenschaftlichen Kontextualisierung über ein oftmals erstaunliches Inselwissen verfügen und dieses mit glühendem Eifer in die Diskussion tragen. Spätestens beim Lesen von Kommentaren zu Youtube-Videos zur Wehrmacht wird deutlich, was ich meine.

Die Abgrenzung von derlei anrüchigen Werken ist nicht so einfach, wie man denkt. Die detaillierten, teilweise schon fetischistisch wirkenden Operationsstudien der Civil War Kollegen aus den USA und die fotoreichen Technikbände über deutsche Wehrmachtspanzer – bringen Sie nichts? Können wir uns einfach und umfassend davon distanzieren? So einfach ist das ganze nicht. Denn diese Bücher besetzen ein Feld, das die moderne Militärgeschichte praktisch aufgegeben hat. Und eine Militärgeschichte, die sich um ihrer Reputation willen von bestimmten Kerninhalten nämlich zu distanzieren bereit ist, verliert sich in Beliebigkeit und Ziellosigkeit. Zur Militärgeschichte gehören untrennbar bestimmte Aspekte, die momentan in der breiten Wahrnehmung noch mit anrüchigem Fantum verbunden sind – eben bspw. Waffentechnik und Operationsstudien. Doch dazu später mehr.

Ein kurzer Vergleich dieser Aspekte in den drei genannten Ländern macht dabei (natürlich vergröbert) deutlich, wie unterschiedlich Militärgeschichte diesbezüglich momentan aufgestellt ist: In Deutschland dominiert die akademische Militärgeschichtsschreibung eindeutig. Es gibt einen populären Markt, bedient vor allem durch den Motorbuch-Verlag und dergleichen, der aber im Vergleich zu den USA oder Großbritannien sehr klein ausfällt. Die deutsche Militärgeschichtsschreibung entwickelt sich bereits seit den 60er Jahren methodisch erstaunlich schnell fort, nicht zuletzt durch die Leistung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes. Ihren zentralen Boost hat sie aber seit 1993/94 erfahren. Die Gründung des Arbeitskreises Militärgeschichte diente als Katalysator der Entwicklung, der zivile Lehrstuhl in Potsdam tat das seinige dazu. Die deutsche Militärgeschichte nahm und nimmt bereitwillig neue Perspektiven und Ansätze auf und gestaltete sich enorm facettenreich aus – besonders sozialgeschichtliche und kulturgeschichtliche Ansätze wurden implementiert.

Aus dem Englischen übernommen, wird diese Richtung in Abgrenzung zur klassischen Sandkastenmilitärgeschichte applikatorischer Prägung als „Modern Military History“ bzw. moderne Militärgeschichte bezeichnet. Das daraus resultierende Problem war, dass nach wenigen Jahren im Rückschluss bereits die Frage aufkam, wo eigentlich Anfang und Ende der Militärgeschichte zu suchen seien. Der Begriff wurde so weit und offen eingesetzt, dass er beliebig zu werden drohte, ohne Trennschärfe. Man befürchtete, bloß noch ein Aspekt der Sozial- und Kulturgeschichte zu sein, aber keine eigene Subdisziplin mehr. Es gibt ja auch keine explizite Polizei- und Feuerwehrgeschichte. Wozu also Militärgeschichte? Hieraus entsprang in einigen Teilen der Community die Idee, sich mehr auf die alleinstellenden Merkmale zu konzentrieren. Dazu später mehr. Festzuhalten ist, dass Militärgeschichte in Deutschland zivil und fachwissenschaftlich dominiert ist, mit einer breiten Vielfalt von Methoden und Perspektiven.

Demgegenüber stehen die USA, die, wie bereits erwähnt, eine vielfältigere und anders geprägte Landschaft aufweisen. Der deutschen Forschungslandschaft entsprechend verfügen natürlich auch die USA über zivile, fachwissenschaftliche Forscher – schließlich kommt der Begriff der Modern Military History ja auch von hier. Ganz besonders hervorgehoben sei hier die kulturhistorisch orientierte Avantgarde um John Lynn aus Ohio.

Ohne deutsche Entsprechung allerdings sind die Legionen von War Historians – historiographisch arbeitende Spezialisten für einige wenige Kriege, die aber stark personalistisch und operationshistorisch geprägt sind und eine Einflechtung in die Fachwelt und ihre Erkenntnisse nur punktuell vornehmen. Gerade hier ist der Übergang zum populärhistorischen Feld oft fließend – tausende Bücher über Grants Marsch, die Landung in der Normandie und dergleichen sind der Output dieser Gruppe.

Und schließlich ergießt sich eine wahre Flut von militärhistorischen Arbeiten aus den Bildungseinrichtungen der US-Streitkräfte über das Land, besonders jüngst durch das Internet. Diese sind wiederum zumeist applikatorische Werke reinsten Wassers – vollgestopft mit Karten, Anweisungen, „Lehren“ und militärhandwerklichen Bewertungen.

Räumlich wie fachlich in der Mitte liegt die Militärgeschichte in Großbritannien. Zwar gibt es hier mit der Royal Military Academy Sandhurst auch eine Quelle applikatorisch geprägten Schrifttums – die gleiche Institution hat aber auch bspw. John Keegan ein Forum geboten, dessen Werk „The Face of Battle“ ein unvergänglicher Meilenstein moderner Militärgeschichte ist. In England gibt es bspw. auch einige militärhistorische Studiengänge, die zwar für unser Gefühl teilweise auch recht altmodisch angelegt sein mögen, dafür aber in das zivile-universitäre Netzwerk eingebunden sind.

Wie verhalten sich nun diesen verschiedenen Gruppen zueinander? In den USA empfinden sich viele Militärhistoriker als auf dem Rückzug befindlich, hier vor allem die zumeist konservativen War Historians. Das folgende Zitat kann hier stellvertretend für viele gelten:

"[Military history is] dead at many other top colleges and universities as well. Where it isn’t dead and buried, it’s either dying or under siege. Although military history remains incredibly popular among students who fill lecture halls to learn about Saratoga and Iwo Jima and among readers who buy piles of books on Gettysburg and D-Day, on campus it’s making a last stand against the shock troops of political correctness."

Genau hier wird wieder die Diskrepanz deutlich zwischen der Popularität der altmodischen US-amerikanischen Militärgeschichte der War Historians einerseits und den Erwartungen der universitären Welt andererseits. In der Analyse der Situation kommen die zumeist liberalen Vertreter der modernen, zivil geprägten Militärgeschichte dabei folgerichtig zu dem Schluss, dass sich diese Entwicklung nicht gegen Militärgeschichte per se richtet – sondern gegen eben diese sogenannte „Drums & Trumpets“-Military History, also die glorifizierende, personalistisch-operationshistorische Militärgeschichte die nicht willens sei, die neuen Ansätze aufzunehmen. Durchaus selbstkritisch meint dazu bspw. Mark Grimsley aus Ohio:

"Anthropology is a field which since the 1960s has generated theories that have profoundly influenced the humanities (e.g., history, languages) and has, in turn, absorbed equally influential theories stemming from literary criticism. My own discipline, history, has absorbed a goodly dose of these "cutting edge" approaches. But my field, military history, emphatically has not. In fact, I would say most military historians--even those at major universities--possess only the haziest idea of what's going on. All they know, for the most part, is that whatever it is, they hate it. Because they have the sense that "it" hates them."

Die gegenseitige Abneigung dieser beiden Gruppen ist momentan das dominierende Thema in den USA. Ganz anders in Deutschland. Nach Jahrzehnten völligen Dornröschenschlafes ist die Militärgeschichte momentan in einem Boom begriffen. Durch ihre willentliche intensive Anbindung an die zivile akademische Fachwissenschaft fällt ihr die Selbstbehauptung leicht. Eine immer größere Selbstverständlichkeit wird in diesem Bereich an den Tag gelegt. Diese baut auf in der unzweifelhaften Wichtigkeit des Themas auf, dessen Durchdringung durch seriöse Methoden und wissenschaftliche Ziele umfassend legitimiert wird. Natürlich stößt man auch weiterhin oft auf Unverständnis und Hemmungen – aber das ist bspw. in Großbritannien mit seiner ja eigentlich für so ein Thema besser geeigneten Vergangenheit nicht anders, wie das folgende Zitat stellvertretend beleuchten kann, noch einmal vom zur Poinitierung geborenen Mark Grimsley:

"When I lived in Great Britain, for instance, I discovered that a few students in other fields recoiled when they heard I was in the War Studies program at Kings College London. I soon learned to say instead that I was studying International Relations. Which was basically true, albeit international relations of a particularly nasty kind."

Militärgeschichte ist also im Moment ein zersplittertes Feld mit diversen, äußerst verschiedenartigen Akteuren, sehr different ausgerichtet Produzenten und äußerst unterschiedlichen Adressaten. Nun könnte man es sich einfach machen. Man könnte sich darauf zurückziehen, dass eigentlich nur die moderne, fachwissenschaftlich durchdrungene Militärgeschichte die „richtige“, die „legitime“ Militärgeschichte sei. Das lässt aber zweierlei unzulässig außer Acht: Erstens ist es ein Spezifikum dieses Feldes, die erwähnte kaufkräftige und sehr präsente Fanmasse zu haben, die das Außenbild der Disziplin weiterhin deutlich prägen werden. Es muss also das Interesse der akademischen Militärgeschichte und damit ihre Aufgabe sein, die Deutungshoheit über die Werke zu erlangen, die von diesen Fans gelesen werden, um den Ruch der Unwissenschaftlichkeit zu verlieren.

Das wiederum führt zum zweiten Problemfeld – der Unschärfe der Modern Military History. Denn gerade die Produzenten für diese Fans halten bestimmte Ansätze fest im Griff –Operationgeschichte und Waffentechnik beispielsweise, die für diese Leserschaft von höchstem Interesse sind. Dies ist der Grund für ihren Erfolg. Die fachwissenschaftliche Militärgeschichte ist auf diesen Feldern hingegen gar nicht präsent. Warum eigentlich nicht? Sie arbeitet auf vielen anderen Gebieten auch sehr erfolgreich –manche sagen gar, auf zu vielen Gebieten. Wenn man diese beiden Problemfelder verknüpft, kommt man unweigerlich zur Frage, was Moderne Militärgeschichte eigentlich ausmacht, und wie sie sich entwickeln muss, um überlebensfähig zu sein und endlich die letzten Schritte in die eingangs imaginierte Normalität zu machen. Als erstaunlich langlebig hat sich Rainer Wohlfeils Definition aus dem Jahre 1967 erwiesen, wonach Militärgeschichte die Geschichte der bewaffneten Macht eines Staates ist.

„Sie fragt nach der bewaffneten Macht als Instrument und Mittel der Politik und befaßt sich mit dem Problem ihrer Führung in Frieden und Krieg. Im Krieg sieht sie jedoch nicht nur eine rein militärische Angelegenheit, sondern stellt ihn hinein in die allgemeine Geschichte, so daß der Krieg als historisches Phänomen gefaßt, erfaßt, erschlossen und durchdrungen wird.“

Und weiter heißt es, die Militärgeschichte „[…] untersucht weiterhin das Militär als Faktor des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und gesamten öffentlichen Lebens. Nicht zuletzt aber beschäftigt sie sich mit der bewaffneten Macht als politischer Kraft. Im Mittelpunkt aber steht der Soldat in all seinen Lebensbereichen.

Diese Definition wurde natürlich punktuell kritisiert – aber man muss festhalten, dass sie für das Jahr 1967 eine enorme Weiterentwicklung war, wenn man bedenkt, dass es davor praktisch nur die applikatorisch-handwerkliche Perspektive gegeben hatte. Nun wird plötzlich historisch-kritisch und vor allem netzwerkartig gedacht – diverse Perspektiven sind ebenso enthalten wie eine Vielzahl von Methoden gefordert wird. Natürlich gibt es Punkte, über die man hervorragend streiten kann. Bereits zum Zeitpunkt der Entstehung kritisierten Vertreter der alten Epochen die problematische Fokussierung auf den Staat und dessen Militär. Im Jahre 7 nach dem 11. September kommt diese Kritik nun auch noch aus – sozusagen – der Zukunft dazu. Nichtsdestoweniger bleibt diese Definition durch ihre Offenheit eine immer noch operationalisierbare Arbeitsgrundlage.

In den gut 40 Jahren seit ihrer Veröffentlichung sind die Forderungen dieser Definition vielfältig aufgegriffen worden. Es gibt quasi keine methodische Idee, die auf dem Feld der Militärgeschichte nicht zumindest erprobt wurde. In deutlicher Abgrenzung zu der personalistischen Geschichte großer Männer, welche die alte Kriegsgeschichte dominierte, wurde eine ausdifferenzierte Militärgeschichte von unten begründet. Die Alltagsgeschichte der Soldaten, sei es in Krieg und Frieden, wurde in allen Epochen in Angriff genommen – je nach Quellenlage und Bearbeiterzahl mit verschiedenem Erfolg, aber stets mit spannenden Erkenntnissen. Eng verwandt sind die kulturgeschichtlichen Ansätze. Die Frage, ob und wie kulturelle Eigenschaften einer Gesellschaft auf ihre Kriegführung Einfluss nehmen, ist beispielsweise in den USA gerade heftig umstritten. Aber, am anderen Ende der Größenskala, auch Arbeiten über die Symbolfunktionen von mittelalterlichen Rüstungen fallen in diesen Bereich. Hier eröffnet sich momentan eines der aufregendsten Felder. Erfolgreich eingesetzt wurden auch die quantitativen Methoden der Sozialgeschichte – mit teils erstaunlichen Ergebnissen. Eine erstmals zahlenmäßig fest fundierte Durchkämmung alter Mythen hat hier so manches interessante Ergebnis erbracht. Sogar die oft empfundene scheinbare Polarität von Militärgeschichte und Geschlechtergeschichte ist als Unsinnigkeit entlarvt worden – gerade in der Frühen Neuzeit sind hier breite und überraschende Ergebnisse erzielt worden. Die Verknüpfung zur Wirtschaftsgeschichte war eine der naheliegendsten Ideen und wurde demzufolge auch rasch und nachhaltig umgesetzt. In jüngerer Zeit wird auch der von Grimsley geforderte Übergriff zur Anthropologie zunehmend praktiziert: Hier stehen vor allem Studien zur Tötungshemmung und zur Gewalterfahrung im Mittelpunkt. Dieses Feld erzeugt momentan die größten Aha-Effekte – vermutlich, weil es per definitionem an absolut grundlegenden Punkten ansetzt und jede neue Erkenntnis das Potential zu nachhaltigen Perspektivverschiebung beinhaltet.

Eine Vielzahl von Perspektiven und Methoden stehen der Modernen Militärgeschichte also zur Verfügung. Aber genau hier wird oftmals die Kritik geäußert, dass die Militärgeschichte dadurch alles und nichts gleichzeitig ist. Wenn moderne Militärgeschichte alle Aspekte rund um das Militär abdecken will, was ist dann der Mehrwert des Begriffes? Eine umfassende Geschichte des Deutschen Reiches im Ersten Weltkrieg beispielsweise – ist das noch Militärgeschichte? Nach ihrer eigenen Definition technisch gesehen ja, aber ergibt die Begrifflichkeit hier noch Sinn? Hier würden vermutlich sogar die entschlossensten Fahnenträger der Militärgeschichte ins Zögern kommen. Andererseits: Eine umfassende Geschichte der deutschen Armee IN diesem Krieg ist unzweifelhaft Militärgeschichte – und ganz sicher würde niemand so eine Studie ernst nehmen, wenn sie nicht die meisten der oben genannten Aspekte zumindest mit einbeziehen würde.

Scheinbar ist eine Fokussierung in irgendeiner Form doch angebracht. Die fachwissenschaftliche Militärgeschichte hat in wild entschlossener Abgrenzung von War Historians, applikatorischer Methode und Motorbuchabonnenten ihr Kerngeschäft gänzlich vergessen. Dazu zählt vor allem die Operationsgeschichte. Ja, Militärgeschichte muss sich mit Karten, mit roten und blauen Pfeilen, Marschrouten, Kavallerieangriffen und Feldherrenentscheidungen befassen. In unserem Bemühen, die Militärgeschichte zu erweitern, haben wir ihre raison d’etre aus den Augen verloren.

Legitimation für Militär ist der potentielle Krieg. Seine Manifestation ist der Dreh- und Angelpunkt und darf nicht vergessen oder ausgeklammert werden. Er darf aber auch nicht zum Fetisch werden. Historische Kriege müssen analysiert werden, und dazu dient die Operationsgeschichte. Sie darf kein Tabu darstellen. Sie darf andererseits auch nicht isoliert betrieben werden – sonst wären die Fortschritte der letzten 40 Jahre vergebens gewesen.

Ähnliche Überlegungen gelten für die Technikgeschichte. In dem Bemühen, sich von der „Militärpornographie“ der panzerverherrlichender Fotobände abzusetzen, ist der Umgang mit der Technik des Militärs drastisch aus der Mode gekommen. Wo es in der Frühen Neuzeit noch unverdächtig scheint, sich mit den Schmiedeprozessen von Hellebarden zu beschäftigen, so wird ein Buch über die Wehrmacht einen schwereren Stand haben, wenn es sich zu einem gut Teil mit der Frage der Technik in dieser Armee auseinandersetzt. Es ist kein Zufall, dass erst im letzten Jahrzehnt eine grundlegende, fachwissenschaftliche Studie über die deutsche Panzertruppe im Zweiten Weltkrieg geschrieben wurde. Weil man bei diesem Thema an großen technischen Teilen nicht vorbeikommt, wurde das Feld einfach ausgeklammert – und damit genau den Leuten überlassen, von denen man sich distanzieren wollte. In der Folge sterben Felder wie Uniformkunde und Waffenkunde zunehmend aus. Sie stehen im Ruch der Erfüllungsgehilfen für Militarismus und Kriegsgeschichte.

Dabei sind sie wertvolle Hilfswissenschaften für die Militärgeschichte. Niemand würde den Sinn der Sphragistik als Hilfswissenschaft anzweifeln - die Waffenkunde hingegen kommt sofort in den Ruch des Fetischismus. Die eingehende Beschäftigung mit Pflugmodellen in der Agrargeschichte stellt kein Problem dar. Die eingehende Beschäftigung mit Panzermodellen hingegen wird nicht ernst genommen, eher als Gefahr betrachtet. Fassen wir also in vier kurzen Sätzen abschließend die daraus folgenden Maßgaben für die Zukunft zusammen:


  • I. Die Militärgeschichte MUSS sich schärfer definieren, um sich selbst zu legitimieren.
  • II. Sie MUSS zu diesen Zweck auf Methoden zurückgreifen, die sie schon abgelegt hatte.
  • III. Sie DARF bei diesem Vorgang aber KEINE Rückschritte in der Methodenvielfalt machen.
  • IV. Vielmehr muss sie WEGEN ihrer notwendigen Fokussierung auf ein Feld besonders offen bleiben für die Entwicklungen in der allgemeinen Geschichte und benachbarten Disziplinen.


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