Mittelalterliche Auffassung über den Ablauf der Weltgeschichte

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Nach mittelalterlicher Auffassung für den Ablauf der Weltgeschichte beträgt die Gesamtdauer 6000 Jahre. Quelle dieser Vorstellung ist die Bibel, die im Alten Testament einige Stellen aufweist, von denen diese Zahl abgeleitet werden kann. So ist die Geschichte entweder in die "sechs Jahrtausende" einzuteilen oder in die sogenannten "vier Weltreiche".

6000 Jahre

Die Schöpfung der Welt dauerte insgesamt sechs Tage. Durch ein Zitat aus den Psalmen erweitert ergibt die Rechnung 6 x 1000, ergo 6000 Jahre.

"Denn tausend Jahre sind vor dir [gemeint ist Gott] wie der Tag, der gestern vergangen ist, (...)" (Ps 90,4).

Vier Weltreiche

Ebenfalls aus der Bibel entnehmen wir dem Buch Daniel, wie der Prophet über einen Traum des babylonischen Königs Nebukadnezar berichtet. In diesem erblickte der König eine Statue, die aus vier verschiedenen Materialien (Gold, Silber, Ton und Erz) zusammengesetzt ist. Die Interpretation dieses Traumes ermittelt vier aufeinanderfolgende Weltreiche, die Anfang und Weltenende postulieren.

Diese vier Weltreiche sind:

  • assyrisch-babylonische
  • persische
  • griechische
  • römische

Ein weiteres fünftes Weltreich ist in der mittelalterlichen Vorstellung von der Geschichte nicht vorgesehen, demnach muss also das römische Weltreich bis zum Ende der Welt, bis zum jüngsten Gericht andauern.

Wenn also die Rede vom "Römischen Reich", "Heiligen Römischen Reich" (dem sacrum imperium) oder gar vom "Heiligen Römischen Reich deutscher Nation" ist, dann handelt es sich um den Fortbestand des vierten Weltreiches. Das römische Reich ist nicht mit Romulus Augustulus untergegangen, sondern das Kaisertum war bereits von Konstantin in den Osten übertragen und wurde dann im Jahre 800 an Karl den Großen zurück"übertragen". Diese sogenannte translatio imperii garantierte neben dem Andauern des vierten Weltreiches auch die Rechtmäßigkeit der mittelalterlichen Kaiser als Nachfolger der antiken römischen Kaiser.

Die mittelalterliche Geschichte ist die Geschichte des Heils, in der sich der Staat Gottes in einem stetigen Kampf mit dem Staat des Teufels befindet. Die Intensität dieses Kampfes steigt ständig an und erreicht mit dem Erscheinen des Antichristen den Höhepunkt der Auseinandersetzung. Der Staat Gottes bleibt letztlich jedoch siegreich. Diese heils-geschichtliche Einordnung der Weltgeschichte wurde vornehmlich von Augustinus vertreten, der im 5. Jahrhundert sein Werk De civitate dei verfasste. Seine Untersuchung stellt den geschichtsphilosophischen Kampf zweier Pole dar (civitas dei et civitas diaboli).

Das Lebensgefühl im Mittelalter wird im europäischen Bereich von der Apokalypse (vgl. Apokalypse des Johannes - Geheime Offenbarung) beherrscht. Vor allem in der Auseinander-setzung zwischen Kaiser- und Papsttum war die Diffamierung von politischen Gegnern als Antichrist gängige Praxis. Das Auftreten des Antichristen, des Hauptfeindes der Christenheit, bedeutete das Ende der irdischen Zeit. Im Mittelalter beschäftigten sich zahlreiche Kirchenväter mit der Gestalt des Antichristen, der offenbar als satanisches Wesen in einem Menschenkörper oder als eine Inkarnation des Satans vermutet wird. Im Neuen Testament taucht das Wort "Antichrist" nur an vier Stellen auf (1. Joh. 2, 18 u. 22; 4, 3; 2. Joh. 7).