Monographien und Sammelbände(Militärgeschichte)

Aus LernWerkstatt Geschichte
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Sollten Sie sich entscheiden, sich dem Feld der Militärgeschichte widmen zu wollen, so ist die Literatur quasi unüberschaubar. Diese Liste soll Ihnen helfen, einige Pflöcke einzuschlagen, um eine erste Orientierung zu gewinnen. Ausgewählt wurden daher nicht Werke, die spezielle historischen Einzelthemen behandeln, sondern ausschließlich Werke, die einen Übersichtscharakter haben für:

- die Militärgeschichtsschreibung (z.B. Kühne, Ziemann; Nowosadtko)
- die Militärgeschichte in Gänze (z.B. Parker, Müller)
- bestimmte Topoi wie bspw. Schlachtengeschichte (z.B. Förster, Pöhlmann, Walter; Grossman)
- bestimmte methodische Schwerpunkten wie dem kulturhistorischen (z.B. Lynn) oder dem sozialhistorischen (z.B. Wette)

Diese Bücher sind eine Auswahl auf Basis persönlichen Geschmacks. Hinter jedem dieser Beispielwerke warten zur Vertiefung Hunderte von weiteren Büchern auf Sie...


Inhaltsverzeichnis

Meynert, Hermann: Geschichte des Kriegswesens und der Heerverfassungen in Europa (Wien 1868)

Ab einem gewissen Alter eines Werkes verschwimmt die Grenze zwischen Sekundärliteratur und Primärquelle zunehmend. Das Lesen eines solchen Werkes kann zu einer Herausforderung werden: Einerseits konnte der Autor (gerade im Falle der Militärgeschichte) oft noch auf Quellen zugreifen, die uns heute nicht mehr zur Verfügung stehen und behält somit seine wissenschaftliche Signifikanz. Andererseits wird durch den großen Zeitabstand die Diskrepanz der Wissenschaftskulturen immer deutlicher und die Verwendung dieser Quellen aus heutiger Sicht daher manches mal zweifelhaft oder gar problematisch.

Meynerts Werk sollte heutzutage primär als Quelle für den Beginn und die Entwicklung der Militärgeschichtsschreibung betrachtet werden. Meynerts Werke sind an die Öffentlichkeit gerichtete, eher populärwissenschaftliche Texte, die somit eine Vorform der heute so populären Militägeschichtsbücher für Laien bilden.


Ein Auszug aus Meynerts Werk, die Schweizer Söldner betreffend


Jähns, Max: Geschichte der Kriegswissenschaften vornehmlich in Deutschland (München und Lepzig 1889-1891)

Max Jähns ist ein zu Unrecht oft vergessener Name der deutschen Militärgeschichte, dessen Verdienst es war, trotz seiner Prägung als preußischer Offizier die ubiquitäre applikatorische Generalstabshistoriographie (vgl. hier) zumindest ansatzweise zu überwinden und der Militärgeschichte somit neue Dimensionen abzugewinnen. Er erreichte dies zwar nicht in dem Maße wie Delbrück, hat aber dennoch einen wichtigen Beitrag geleistet.

In der Aprilausgabe 2008 des Journal of Military History ist ein Artikel über Leben und Werk von Max Jähns erschienen. Für Lizenznehmer von Project Muse ist der Artikel hier als PDF abrufbar und hier als HTML-Datei einsehbar.

Das Werk mit knapp 3000 Seiten selbst ist dank der verdienstvollen Arbeit des Göttinger Digitalisierungszentrums in Gänze online erhältlich.

  1. Erste Abteilung. Altertum, Mittelalter, XV. und XVI. Jahrhundert. 1889 (Inhalt)
  2. Zweite Abteilung. XVII. und XVIII. Jahrhundert bis zum Auftreten Friedrichs des Großen 1740. 1890 (Inhalt)
  3. Dritte Abteilung. Das XVIII. Jahrhundert seit dem Auftreten Friedrichs des Großen. 1740–1800. 1891 (Inhalt)


Delbrück, Hans: Geschichte der Kriegskunst im Rahmen der politischen Geschichte (Berlin 1900)

Delbrücks Werk gilt gemeinhin als erstes ernstzunehmendes Werk der akademischen Militärgeschichte. Delbrück focht einen lebenslangen Kampf gegen die Militärs, aber auch gegen den Mainstream der akademischen Gemeinschaft aus, mit dem Ziel, die Militärgeschichte dem applikatorischen Ansatz der Militärs zu entziehen und zu einem Teil der allgemeinen Geschichtswissenschaft zu machen. Dieses Ziel erreichte er praktisch nicht.

Sein Hauptwerk ist ein bis heute immer wieder neu aufgelegter Klassiker, der trotz aller mittlerweile überholten Aspekte immer noch ein Grundlagenwerk ist. Das Werk ist komplett online verfügbar.

Ganz besonders verdient hat sich Delbrück auf dem Gebiet der militärischen Quantitäten gemacht. Er unterzog die Truppenzahlen unzähliger Quellen der sogenannten Sachkritik, prüfte sie mithin auf Stichhaltigkeit und begründete damit die in der Wissenschaft heute zur Selbstverständlichkeit gewordene skeptische Lesart solcher Zahlen. Aber auch ansonsten waren und (teilweise) sind seine Überlegungen von höchster Relevanz.


Keegan, John: The Face of Battle (London 1976)

John Keegans Buch war ein Meilenstein für die moderne Militärgeschichtsschreibung: Ein junger, ungedienter, britischer Historiker (man beachte die Kombination!) schreibt ein Buch über die individuelle Erfahrung der Schlacht - eine nicht nur für militärische Zeitgenossen verwirrende, für manche geradezu verstörende Konstellation. Konnte das gutgehen? Es konnte.

Keegan sezierte die Schlachten von Azincourt (1415), Waterloo (1815) und der Somme (1916) und produzierte einen Text, der bis heute faszinieren kann. Was sah, was roch, was spürte der Soldat auf dem Schlachtfeld? Was passiert bei einer Kavallerieattacke eigentlich genau? Wie wird Trommelfeuer erlebt? Wie wird Verwundung erfahren? Und vor allem - wie ändern sich diese Aspekte durch die Jahrhunderte? In einer Zeit, in der Militärgeschichte sich noch praktich ausschließlich mit glorifizierten (oder verdammten) Generalen und klinisch-sauberen roten und blauen Pfeilen auf Landkarten beschäftigte, war dieses Buch ein Paukenschlag für eine Perspektive von unten.

Über 30 Jahre später ist der Lack natürlich ein wenig ab. Das einführende Kapitel über Militärgeschichte ist selbstverständlich veraltet, daraus kann man dem Buch keinen Vorwurf machen. Aber auch der Text selber ist heute nicht mehr so leicht zu genießen, wie er es unter dem Eindruck der Neuartigkeit des Buches vielleicht war. Quellenkorpus und Belegarbeit sind mehr als dünn - und zwar nicht nur nach den bekanntlich sehr hohen, zeitgenössischen, deutschen Maßstäben. Viele Ableitungen und Generalisierungen sind doch recht gewagt. Im Lichte einer kritischen Sozial- und Kulturgeschichte, die in den letzten Jahrzehnten unsere Perspektive erweitert hat, sind viele Aussagen Keegans hoffnungslos veraltet.

Und doch: Keegans Schlacht bleibt eine unbedingte Leseempfehlung. Wer dieses Buch mit kritischem Blick und akademischer Distanz liest, wird immer noch eine Reihe von überraschenden und anregenden Punkten finden. Die Idee, die Erfahrung der Schlacht zu skizzieren, ist ja nicht vom Tisch, sondern im Gegenteil immer noch ein oft artikuliertes Desiderat. Keegans Buch stellte (und stellt teilweise immer noch!) Fragen, die sehr einfach und naheliegend erscheinen, sobald sie artikuliert waren - aber sie mussten erst einmal artikuliert werden, und das war der Verdienst dieses Buches, auch wenn es aus heutiger Sicht viele Antworten schuldig bleibt. Dass nicht wenige von Keegans Aussagen und Arbeitstechniken heute befremden, ist dabei aber dann eigentlich kein Mangel, sondern sollte kritische Leserinnen und Leser ganz im Gegenteil anregen und dazu beflügeln, sich um so enthusiastischer in die aktuelle wissenschaftliche Literatur zu den Themen zu vertiefen, die Keegan nur angerissen hat.


P.S. Keegan selber hat sich übrigens in den letzten 30 Jahren inhaltlich kaum ein Stück bewegt. War "Face of Battle" noch ein junges, wildes Buch in einem sehr konservativen Rahmen, so hat sich das wissenschaftliche Koordinatennetzwerk in den vergangenen 30 Jahren doch sehr verschoben. Keegen schreibt aber immer noch praktisch das gleiche, so dass sein Werk "Die Kultur des Krieges" von 1997 plötzlich sehr verstaubt und beinahe klischeehaft chauvinistisch wirkt - trotz des (gescheiterten) Versuches, mit der Integration der kulturhistorischen Perspektive weiter an der Spitze des Diskurses zu bleiben.


MGFA (Herausgeber): Handbuch der deutschen Militärgeschichte 1648-1939 (München 1979)

Der Titel Handbuch täuscht, wie so oft, auch in diesem Falle: Es handelt sich um ein Sammelwerk in sechs Einzelbänden, die zusammen 4.240 Seiten umfassen. Das Werk wurde in den Jahren 1964 bis 1979 vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt veröffentlicht, wobei von 1970-1975 eine längere Pause entstand, die der Tatsache geschuldet war, dass das MGFA für die ersten Bände auf eine ergiebige Literatur zurückgreifen konnte, während es für die späteren Bände selbst Grundlagenarbeit leisten musste.

Das Handbuch bietet einen sehr breiten und facettenreichen Blickwinkel auf das Thema Militär: Neben Operations- und Organisationsgeschichte (vor allem letzteres ist die absolute Paradedisziplin) bezieht das Handbuch gezielt sozial-, politik- und sogar stellenweise schon kulturhistorische Aspekte mit ein. Dieser multiperspektivische Ansatz war zum Zeitpunkt des Erscheinens nicht weniger als ein wissenschaftspolitisches Statement ersten Ranges. Das MGFA hat in den 60er Jahren harte interne Kämpfe ausgefochten zwischen (sehr vergröbernd) applikatorischen Historikern mit militärischem Rang und zivilen Historikern mit akademischem Hintergrund. Es ging dabei um nichts weniger als um die Frage, wie Militärgeschichte in Zukunft zu betreiben sei. Die zivilen Historiker setzten ihr Bild von einer multiperspektivischen, wissenschaftlich-kritischen Geschichtswissenschaft durch - und das Handbuch war die Manifestation dieses Anspruches.

Wie bei allen Handbüchern darf man einen Fehler nicht machen: Es ist nicht zum Durchlesen gedacht. Vielmehr ist es ein Nachschlagewerk, das punktuell genutzt werden soll. Dementsprechend spröde geschrieben und kompliziert strukturiert ist es auch.

Ein Handbuch soll zwei Leistungen erbringen: Einen grundlegenden Einstieg in ein Thema bieten und weiterführende Literatur bereithalten. Den ersten Anspruch kann das Handbuch immer noch problemlos einlösen, denn für viele Themen ist das Handbuch immer noch der beste verfügbare Einstieg. Der zweite Anspruch ist naturgemäß nicht mehr einzulösen; nichtsdestoweniger sind die ausführlichen Quellen- und Literaturlisten für spezielle Fragestellungen immer noch mehr als lesenswert. Somit ist das Handbuch immer noch einer der Grundsteine jeder militärhistorischen Bibliothek.

Das Handbuch ist sehr oft auf ebay komplett für extrem wenig Geld erhältlich


Wette, Wolfram (Hrsg.): Der Krieg des kleinen Mannes (München 1992)

Dieser Sammelband ist für die deutsche Militärgeschichte in etwa das, was Keegan für Großbritannien war: Der Auftakt zu einer Militärgeschichte von unten. Allerdings unterscheidet sich Wettes Sammelband dahingehend von Keegen, als dass er erstens wissenschaftlich-handwerklich deutlich fundierter ist und daher ein längere Halbwertszeit hat und haben wird, und dass er zweitens eine größere Wirkmacht auf die wissenschaftliche Community hatte. Während Keegans Werk eher ein Publikumserfolg mit begrenzter Wirkung in der Community war, ist der Fall beim Krieg des kleinen Mannes genau andersherum gelagert. Dies ist allerdings auch der Tatsache geschuldet, dass die moderne Militärgeschichte zu Anfang der 1990er Jahre quasi in der akademischen Luft hing und nur auf eine Manifestation wartete, so dass der Rezeptionshintergrund sich vollkommen von dem Keegans unterschied.

Der Sammelband, der über Epochen- und Regionengrenzen hinweg arbeitet, bleibt eine unerlässliche Lektüre für eine Vertiefung in die moderne Militärgeschichte.


Grossman, Dave: On killing (New York 1995)

Wer sich mit Themen wie Militärgeschichte und Militärsoziologie mittels der Instrumente des wissenschaftlichen Handwerks deutscher Ausprägung befasst, der ist durch den ersten Eindruck von Grossmans Buch ersteinmal verwirrt oder gereizt - je nach Gemütslage: Eine extrem knappe Bibliographie und die ist weder besonders eklektisch noch aktuell. Keine Belegarbeit - Fußnoten tauchen zwar vereinzelt auf, sind aber nur Anker für Exkurse. Die Struktur des Buches ist so untergliedert, dass die einzelenen Fließtexte praktisch auf jeder zweiten Seite von einer Unterunterüberschrift durchbrochen sind - lange, kontemplative Texte auf der Basis wissenschaftlicher Forschung mit präziser Belegarbeit sind hier also Fehlanzeige.

Steigt man dann in das Buch selber ein, so verstärkt sich dieser Eindruck noch: Ein für deutsche Begriffe stilistisch flapsiger Schreibstil, der eine Argumentation darlegt, die nicht zwischen Pros und Contras mändert, sondern definitiv formulierte Aussage an definitiv formulierte Aussage reiht - hier liest der kritische Leser in Stil und Argumentation deutlich Grossmans militärische Provenienz heraus. Dazu kommen mehr als kühzne Generalisierungen, die mehr als einmal nicht nur für den historischen Bereich fragwürdig erscheinen, sondern gleich noch andere Disziplinen mit ankratzen. Das Buch erhält durch diese Kombination einen beinahe stammtischartigen Beigeschmack.

Warum ist es dann dennoch zu empfehlen? Weil Grossman in diesem aufreizenden Stil ein Buch vorlegt, das eine so faszinierende These durchdekliniert, dass man das Buch einfach nicht weglegen will. Der Untertitel des Buches grenzt die Frage ein: "The Psychological Cost of Learning to Kill in War and Society".

Grossmann, der unter anderem Psychologie in West Point lehrte an der Arkansas State University Professor für Military Science war, argumentiert, dass die psychologische Tötungshemmung des Menschen bis in das 20. Jahrhundert hinein so stark war, dass Soldaten der Neuzeit (nur hier liegen Daten vor) zu über 80% alles getan haben, um das Töten des Gegners zu vermeiden - wohlgemerkt das Töten, nicht die Schlacht als solche, es geht hier nicht um "Feigheit" im altmodischen Sinne. Grossman legt ein ganzes Panoptikum von Aspekten dar, die diese Tötungshemmung begründen und verstärken und stellt gleichzeitig dar, welche Faktoren diese Hemmungen wieder aufweichen können. Die beiden Punkte umfassen Angst, Erschöpfung, Schuld, Hass, Grenzen der Wahrnehmung, Distanzen des Tötungsvorganges, mechanische Filter, Befehlszwänge, Gruppenvergebung, Kosten-Nutzen-Rechnungen, psychopathische Prädsipositionen, rassistische Perspektiven und noch mehr. Dieses Kapitel lässt den Leser geradezu atemlos zurück: Jeder einzelne Punkte ist anregend und überraschend einerseits - fühlt sich aber auch jedes mal ob der oben genannten Kritik vollkommen unfertig an und fordert nach einem drastischen "Mehr" an Informationen und Belegarbeit.

Nach einem kurzen Exkurs zum Thema Atrocities geht Grossman dann zum zweiten Teil über: Nachdem das US-Militär nach dem Zweiten Weltkrieg die Tötungshemmung erkannt hatte und einen nicht geringen Teil der von Grossman referierten Aspekte als Gründe dafür erforscht hatte, war die naheliegende Frage aus Sicht der Militärs angesichts von 80% Nichtkämpfern natürlich: "Was tun wir dagegen?" Grossman stellt die Methoden dar, mit denen das US-Militär die Rate von Nichtkämpfern in Vietnam auf unter 5% drückte - hier geht es vor allem um Konditionierung und Automatisierung von Abläufen. Dieser Teil mündet in eine Darstellung der Kosten dieses Prozesses: Wenn gezielt eine tief verwurzelte und weit verbreitete psychologische Sperre eingerissen wird, muss dies Konsequenzen haben. Diese maniferstieren sich in der explosionsartigen Zunahme von posttraumatische Belastungsstörungen bei US-Soldaten seit Vietnam.

In einem letzten und schwächsten Teil geht Grossman dann auf Parallelen dieser Konditionierung beim Militär einerseits und den Auswirkungen von Computerspielen und Actionfilmen auf die junge Generation Amerikas andererseits ein. Dieses besonders kühne und generalisierende Kapitel war es, das Grossmann in der Diskussion um Amokläufe, Computerspiele und Hollywood in Amerika relativ bekannt machte.

Das Buch lässt den kritischen Leser angeregt gereizt gleichermaßen zurück. Angeregt, weil das Buch enorm viele neue und faszinierende Facetten präsentiert, die auch alle eine innrere Logik haben und deshalb nicht einfach verworfen werden können. Gereitz deshalb, weil diese faszinierenden Facetten zu kurz, zu platt, zu genralisierend und vor allem zu schlecht belegt präsentiert werden.

Das Buch ist damit vor allem eines: Eine gute Startbasis für das Eintauchen in Militärsoziologie und Kriegspsychologie. Das Problem ist nur, dass dieses Eintauchen sehr vorsichtig geschehen muss, da das Becken nicht sehr tief ist - dieser Bereich steht erst am Anfang der breiten wissenschaftlichen Ausarbeitung. Das macht Grossmans Buch noch wichtiger. Und noch reizender.


Kühne, Thomas und Ziemann, Benjamin (Hrsg.): Was ist Militärgeschichte? (Paderborn 2000)

Mit Beginn der 1990er erlebte die wissenschaftliche Militärgeschichte in Deutschland ein rapides Wachstum. In diesem Wachstum vereinigten sich naturgemäß mehrere Stränge: Zum einen wurden massiv nachholende Entwicklugen geleistet, da die Militärgeschichte in Deutschland im Gegensatz zu anderen Staaten trotz einiger Bastionen wie dem MGFA eine jahrzehntelange Stasis hinter sich hatte. Gleichzeitig wurden die im internationalen Diskurs ausgetragenen Debatten um aktuelle methodische Zugriffe und deren Zukunftspotentiale enthusiastisch aufgegriffen. Und drittens wurde natürlich auch nach eigenen Beiträgen für die zukünftige Entwicklungen des Feldes gesucht.

Das Ergebnis dieses Booms war, dass das ohnehin in jeder Subdiziplin bestehende Bedürfnis nach kontinuierlicher Selbst(neu)definition in der deutschen Militärgeschichte nach ein paar Jahren besonders groß geworden war. Was soll moderne Militärgeschichte umfassen? Wo sind die thematischen Ränder, wo die Schnittmengen zu anderen Feldern oder gar Disziplinen? Welche methodischen Instrumente und Zugriffe ergeben für das spezielle Feld Sinn, welche sind trotz allen akademischen Hypes ungeeignet? Was ist das "sui generis" des Feldes, und wie soll es sich thematisch und methodisch manifestieren? Die Sorge, dass die Militärgeschichte sich durch Übereifer und vorauseilenen Gehorsam bei der Integration von immer mehr Themen und immer breiteren methodischen Katalogen ihre Eigenart verlieren würde, ist mit Händen zu greifen gewesen.

Das Ergebnis war der Konferenz-Sammelband "Was ist Militärgeschichte?", der einige faszinierende Aufsätze führender Forscher zu diesem Thema vereinigt und der bis heute kaum etwas an Aktualität verloren hat. Erst Ende 2009 wurde besipielsweise der schon auf der diesem Band zugrundeliegenden Konferenz heiß diskutierte Begriff der "modernen Operationsgeschichte" erneut ebenso enthusiastisch debattiert.

Der Sammelband bietet somit eine hervorragend reflektierte Basis für aktuelle methodische Fragen der Militärgeschichte.


Gat, Azar: A History of Military Thought (Oxford 2001)

Methodischer Zugriff und Thema - das sind häufig die beiden etablierenden Elemente einer Buchbeschreibung: Eine Kulturgeschichte der Sklaverei, eine Sozialgeschichte der USA, eine Wirtschaftsgeschichte der Frühen Neuzeit. Der israelische Historiker Azar Gat hat mit seinem Buch etwas vorgelegt, das leicht zu einem platten Witz anregen mag: eine Geistesgeschichte des Militärs.

Gat analyisiert (europäische) Schriften zur Theorie des Krieges von der Aufklärung bis in den Kalten Krieg. Der Krieg ist und bleibt der Dreh und Angelpunkt dieser Schriften und damit auch des Buches, wobei Gat die vorgestellten Schriften aber in kultur-, sozial-, politik- und wirtschaftshistorische Zusammenhänge stellt und vor allem nie aus den Augen verliert, dass es in seinem Buch nicht um den Krieg geht, sondern um das Nachdenken über den Krieg.

Natürlich sind bei einem so großen Zeitraum die beeindruckenden 900 Seiten schon wieder recht wenig: Montecuccoli auf 12 Seiten, die offensive a l'outrance auf 60 Seiten, Fuller auf 30 Seiten, Clausewitz (natürlich) auf immerhin 100 Seiten: Der jeweilige Fachmann blickt naturgemäß vor allem auf die Fehlstellen in solchen Zusammenfassungen. Aber das ist ein unfairer Ansatz, denn Gats Buch soll ja kein Büchereiregal ersetzen, sondern eine kohärente Darstellung der Entwicklung des militärischen Denkens darstellen, und das tut er trotz oder sogar wegen des begrenzten Raumes sehr kompakt und homogen. Wer Gats Buch gelesen hat, hat den Überblick erhalten, den das Buch verspricht - und damit eine gute Basis für weiterführende, vertiefende Studien in Eigenverantwortung, vor allem an den Originaltexten.

Der besondere Charme an Gats Buch ist dabei, dass sein epochenübergreifender Ansatz unmissverständlich klarmacht, dass Krieg keineswegs eine irgendwelchen "objektiven Sachzwängen" unterworfene Überzeitlichkeit ist, sondern eine von Menschen geformte und definierte Kulturtechnik, deren Analyse einen breiten Blick auf das sozial- und kulturhistorische Umfeld der jeweiligen Epochen unb edingt nötig machen - und dabei eben auch und ganz besonders auf die Geistesgeschichte.


Nowosadtko, Jutta: Krieg, Gewalt und Ordnung: Einführung in die Militärgeschichte (Tübingen 2002)

Der Titel ist, ähnlich wie bei dem Sammelband von Kühne und Ziemann, leicht misszuverstehen: Nowosadtkos Werk stellt eine Einführung in die Militärgeschichtsschreibung dar - und erfüllt diese Aufgabe ganz ausgezeichnet. Der Band stellt kompakt und verständlich dar, wie sich die (deutsche) Militärgeschichtsschreibung entwickelte, durch wen sie bis ins 20. Jahrhundert betrieben wurde, welche Veränderungen die Zäsur des Zweiten Weltkrieges bedeutete und welche Linien sich in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts entwickelten. Für die letzte Phase analysiert Nowosadtko ausführlich die Entwicklung verschiedene methodischer Zugriffe und die Verschiedenartigkeit der Schwerpunkte verschiedener Epochen.

Insgesamt entsteht so eine ausgesprochen nützliche Darstellung der langfristigen Entwicklung und der jüngsten Aufsplitterung des Feldes, das zum Verständnis aktueller Debatten unerlässlich ist. Die gut lesbare Darstellung ist von einer beeindruckenden Literaturliste flankiert, die kaum Wünsche offen lässt.


Lynn, John A.: Battle: A History of Combat and Culture from Ancient Greece to Modern America (Westview 2003)

Die Forderung, die Militärgeschichte den sozial-, kultur- und mentalitätshistorischen Methoden zu öffnen, ist in Deutschland mittlerweile zum fast schon überholten Allgemeinplatz geworden - und das ist ein Glück. Denn diese Situation wurde dadurch erreicht, dass die Forderung seit anderthalb Jahrzehnten immer häufiger erfüllt wird und das mit zunehmender Selbstverständlichkeit. In den USA hingegen sind die Vertreter der Drums-and-Trumpets-History immer noch fest im Sattel und verteidigen ihren Stil gegen die "neumodischen" Perspektiven von den Universitäten. Umso interessanter ist es also, wenn aus den Staaten ein Werk den Weg in unseren Buchhandel findet, das sich explizit der Idee verschrieben hat, den kulturhistorischen Aspekt in der Militärgeschichte zu verankern. Und noch einmal wird dieses Werk interessanter, wenn es von John Lynn ist - einem stilistischen Altmeister der gekreuzten Feder, der ein enormes Talent dafür hat, pointiert und angriffslustig zu schreiben, ohne jemals den Respekt vor dem Gegner oder dessen Ansichten zu verlieren oder das Sujet selbst aus den Augen zu verlieren. Es handelt sich also um eine anregende Kampschrift, die auch noch lehrreich ist - was kann man sich mehr wünschen.

Lynn schreibt eigentlich zwei Bücher gleichzeitig. Zum einen versucht er, in einem periodenübergreifenden Ansatz herauszuarbeiten, in welcher starken Abhängigkeit Krieg und Gesellschaft prinzipiell stehen. Er verneint die Idee des zeit- und eigenschaftenlosen "Universal Soldiers" und betont stattdessen in einem komplexen, aber benutzbaren Modell die starken sozialen und kulturellen Einflüsse, die sowohl die Idealbilder als auch Realitäten des Krieges je nach Region und Periode prägen. So bemüht er sich darum, durch Differenzierung den jeweiligen Kriegern einer Periode und Region ein individuelles Gersicht zu geben und außerdem en passant den (gerade in den USA) starken Glauben an die Technikdeterminiertheit in der Militärgeschichte gezielt zu dekonstruieren. Panzer sind für ihn bspw. nicht in erster Linie technische Gebilde, sondern physische Manifestationen der Ansichten und Ideen ihrer sie jeweils hervorbringenden Gesellschaften, was letztlich die Kultur über die Technik stellt.

Damit eng verbunden ist seine zweite Stoßrichtung. Eine der seit einigen Jahren am meisten und heftigsten diskutierten Theorien ist Victor Davis Hansons Theorie des Western Way of Warfare. Dieses Modell konstatiert, dass es einen "unique style" der Kriegführung gäbe, der in der Kriegskunst der griechischen Poleis begründet wurde, sich linear bis heute fortsetzt und letztlich auch die europäische Dominanz in den letzten Jahrhunderten erklärt. Diese Theorie ist keineswegs simpel - sie ist im Gegenteil recht komplex und berücksichtigt bspw. sozialhistorische Aspekte. Sie konstatiert aber letztlich auch das, was Lynn bekämpft - den "Universal Soldier", den ewigen, eigentlich unveränderten Krieger, der in jeder Epoche in Hansons Modell im Prinzip gleich ist, nämlich ein Western Warrior.

Lynns Buch ist das, was neudeutsch (oder altenglisch) als "must read" bezeichnet wird. Die vielfältigen Perspektiven, Regionen und Epochen verschmelzen sinnvoll zu einem überzeugenden Plädoyer für zwei verschiedene Punkte: Erstens, dass primär die Kultur Wesen und Form eines Krieges bestimmt, und nicht Technik und/oder überzeitliche, objektive "Zwangsläufigkeiten" oder gar "ewige Gesetze". Zweitens, dass die "Western Way of Warfare"-Theorie so dermaßen löcherig ist, dass sie eigentlich bereits stehend tot ist. Solange die Hanson-Schule kein Buch veröffentlicht, dass Lynns Angriffe widerlegt, so lange ist sie in der Defensive.


Förster, Stig; Pöhlmann, Markus und Walter, Dierk: Schlachten der Weltgeschichte (München 2004)

Eine der großen Diskussionen um die Kerninhalte der modernen Militärgeschichte (siehe oben unter "Was ist Militärgeschichte") war die Frage nach der Rolle der Schlacht. Die Fixierung auf die Schlacht war Merkmal der applikatorischen Methode der Militärgeschichtsschreibung bis 1945 und ist immer noch Merkmal der populären Literatur der soganannten War Buffs. Die Produktionen gerade letzterer Gruppe füllen in anglo-amerikanischen Buchhandlungen viele Regalmeter und überbieten sich gegenseitig in immer größeren betrachteten Zeiträumen, in immer größeren Zahlen der behandelten Schlachten, der immer bunteren Aufmachung und der Zahl der Karten und Bilder. Gemein ist allen diesen Bänden, dass sie im Regelfall nur wenig historischen Inhalt bieten, viele Mythen transportieren und nicht durch historische Forschung unterfüttert sind.

Davon will sich die wissenschaftliche Militärgeschichte bewusst abgrenzen, so dass die (Wieder-)Annäherung an die Schlacht vielen Beteiligten nicht leicht fällt. Nichtsdestoweniger kann, egal wie stark man dieses Argument im Einzelnen nun gewichtet, kein Zweifel daran bestehen, dass die Schlacht zumindest ein zentrales Element von jeder Art Militärgeschichte sein muss. Irgendwie musste dieser Schritt der (Wieder)Annäherung also unternommen werden - nicht zuletzt auch, um eben gerade der breiten Öffentlichkeit klarzumachen, dass es eine andere, seriöse Geschichtsschreibung der Schlacht gibt.

Mit Förster, Pöhlmann und Walter haben drei führende Mitglieder des AKM die Herausgeberschaft der "Schlachten der Weltgeschichte" übernommen, und bereits damit ist jede Gefahr gebannt, einen weiteren inhaltsleeren Sammelband mit Daten und Bildchen vor sich zu haben, der sinnlos Schlachten versammelt und von enthusiastischen Amateuren kompiliert wurde. Ganz im Gegenteil handelt es sich um einen Aufsatzsammlung mit Beiträgen führender Militärhistoriker aus der ganzen Welt. Einleitend wird dabei darüber reflektiert, was eine Schlacht eigentlich ist - eine (wie so oft) scheinbar einfache, eigentlich aber höchst komplexe Frage. Danach erfolgt eine kurze Übersicht über die oben genannten ähnlichen Sammelbände und eine kurze Auflistung der Aspekte, welche dieses Buch explizit von diesen abgrenzen soll.

Diese Punkte sind:

- Wissenschaftliche Autoren
- Methodenvielfalt
- Epochenübergeifende Perspektive
- Abarbeitung der Dimensionen See, Land, Luft
- Interkulturalität

Alle diese Ansprüche werden eingelöst - naturgemäß manche mehr und manche weniger, aber das ist eher arbeitstechnisch und wissenschaftspragmantisch begründet als konzeptionell und damit absolut entschuldbar. Herausgekommen ist ein Buch, das jedem interessierten Leser verdeutlicht, dass die Schlacht ein legitimes Thema auch der modernen Militärgeschichte ist, ja sogar sein muss, und das auch dabei auch gleich praktisch vorführt, wie dieses Thema bearbeitet werden muss, um nicht wieder in die Applikation zurück- oder in die War Buff Regale hineinzurutschen.

Darüber hinaus ist es auch ein schlichtweg spannend zu lesendes Buch geworden, ein bei wissenschaftlichen Produktionen alles andere als selbstverständliches Charakteristikum. Das, was die Schlacht so faszinierend macht - die (scheinbare?) Reduktion von komplexer Geschichte auf dramatische Stunden, Minuten, ja sogar einzelne Handlungen - ist hier trotz aller wissenschaftlichen Distanz eingefangen und wiedergegeben worden. Dies wird durch den konsequent durchgehaltenen Ansatz, für jede Schlacht sowohl eine historische Einordnung relevanter Vorgänge bis zu ihrer Austragung wie auch eine Darstellung der Auswirkungen nach ihrem Ende beizufügen, nicht etwa abgeschwächt, sondern im Gegenteil verstärkt. So manche Schlacht steht durch diesen Vor- und Nachspann in gänzlich anderem Licht da.

Amüsanterweise hat das Buch mit der Alexanderschlacht von Altdorfer ein derart altmodisches Cover erhalten, dass es in einem solchen War Buff Regal perfekt tarnt. Wer weiß, vielleicht war hier ja eine gezielte Tarnung beabsichtigt, um auch die zum Kauf zu "überrumpeln", die normalerweise nicht in der unbebilderten, textlastigen Histroiographie stöbern...


Parker, Geoffrey: The Cambridge History of Warfare (Cambridge 2005)

Zwei Diskussionen dominieren die amerikanische Militärgeschichtsschriebung seit Jahren: Die Frage nach der "Military Revolution" einerseits und die Frage nach einem "Western Way of Warfare" andererseits. Beide Diskussionen haben viele thematische Schnittmengen, so dass sie mittlerweile oft verknüft werden. Und sie werden mit großer Heftigkeit geführt.

Der Sammelband von Geoffrey Parker ist ein Beitrag zu diesen Debatten und soll Ihnen vor allem zeigen, dass kein historisch-fachwissenschaftliches Buch frei ohne Positionierung in aktuellen Debatten auskommt. Oft genug wird gerade von StudienanfängerInnen angenommen, dass ein Titel wie "Cambridge History of Irgendwas" eine überparteiliche Objektivität anzeigt, aber dies ist nicht der Fall - kann auch gar nicht der Fall sein, wie das Studium der Geschichte Sie lehren wird.

Die "Cambridge History of Warfare" hat ihren Platz in dieser Liste aus genau diesem Grund gefunden, denn im Gegensatz zu vielen Schriften, in denen die dahinterstehende Theorie erst mühsam herausgearbeitet werden muss, geht die Cambridge History eher mit dem Vorschlaghammer zu Werke: In einem einführenden Kapitel wird die Leittheorie explizit artikuliert und kann daher von den Leserinnen und Lesern in den folgenden 500 Seiten immer klar erkannt werden. Herausgekommen ist dadurch ein Buch, das Technik und Waffen einerseits und die Politik von Königen und Staaten andererseits in den Mittelpunkt rückt und dafür kulturellen und sozialhistorischen Aspekten keinen bzw. wenig Platz einräumt. Das lässt einerseits das Gefühl aufkommen, es mit einem Buch zu tun zu haben, dass ein wenig veraltet ist. Gleichzeitig ist es aber dennoch ein sehr kompakter und (bei allen zwingenden Vergröberungen) nützlicher Überblick.

Ist jetzt eine Sicht richtig und eine falsch? Natürlich ist es nicht so einfach. John A. Lynn beispielsweise, dessen Buch "Battle" eine direkte Kampfschrift gegen Hansons "Western Way"-Schule ist, die das Buch beherrscht, hat die Kapitel 10 und 11 geschrieben - Hanson die Kapitel 1 bis 3...


Neugebauer, Karl-Volker et. al.: Grundkurs deutsche Militärgeschichte in drei Bänden (München 2006-2008)

Der „Grundkurs deutsche Militärgeschichte“ (GKDM) wird durch das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) in Potsdam herausgegeben. Diese Institution ist zwar beim Bundesverteidigungsministerium aufgehängt und hat einen amtlichen Charakter – einen militaristischen Stallgeruch, einen apologetischen Touch und/oder die applikatorische Methode braucht in den Publikationen allerdings niemand zu befürchten. Das MGFA, das übrigens zu einem großen Teil von zivilen Historikerinnen und Historikern bevölkert wird, ist ganz im Gegenteil eine der Speerspitzen der wissenschaftlich-kritischen Militärgeschichte in Deutschland. Enge Kooperationen mit zahlreichen Universitäten, verschiedenen zivilen akademischen Institutionen und diversen wissenschaftlichen Arbeitskreisen sorgen für eine feste Einbindung in die boomende scientific community der sogenannten Modernen Militärgeschichte. Der große Vorteil einer solchen Institution des Bundes sind natürlich (relativ) große personelle und finanzielle Ressourcen. Daher war das MGFA dafür prädestiniert, ein umfangreiches und arbeitsaufwändiges Werk wie den Grundkurs Militärgeschichte zu entwickeln, umzusetzen und herauszugeben, was in den Jahren 2006 bis 2009 geschah.

Diese Großkapitel sind jeweils in immer gleichartig strukturierte Unterkapitel aufgeteilt: Zuerst folgt ein extrem knapper Überblick, der eine Zeittafel, weiterführende Literaturtipps und einen Epochenquerschnitt beinhaltet. Über den Nutzen von Zeittafel und Epochenquerschnitt kann man streiten, über die Literaturlisten nicht: Sie sind angesichts (je nach Periode) oft entweder unüberschaubarer oder aber sehr begrenzter und spezieller Literatur eine ausgezeichnete Grundlage, um selbstständig weiterzuarbeiten. Hier erfüllt der GKDM die Aufgabe eines Grundkurses als Basis und Ausgangspunkt für die Einarbeitung in ein Thema ausgezeichnet.

Auf den Überblick folgt das Kapitel „Umfeld“. In diesem Kapitel wird (nach eigener Aussage Band 2, S.VII) „das komplexe und mitunter spannungsreiche Wechselverhältnis von Militär, Politik, Staat und Gesellschaft thematisiert.“ Diese multiperspektivische Sichtweise entspricht der unwidersprochenen Lehrmeinung der modernen Militärgeschichte und bezieht klar Stellung gegen die simplifizierende Sichtweise, die gerade populärwissenschaftliche Literatur mit ihrer angeblich „rein militärischen“ Perspektive vertreten zu können glaubt. Der GKDM versucht dabei, das Militär als perspektivische Leitlinie jedoch nicht aus den Augen zu verlieren – eine Gefahr, welche dieser Ansatz immer birgt. Und in der Tat geraten die Texte manchmal zu allgemeinhistorischen Texten, bei denen man den direkten Bezug zum Thema Militär ein wenig vermisst. Allerdings gilt, dass derlei Rahmendarstellung nun mal gelegentlich unvermeidlich ist und einfach abgearbeitet werden muss, um dann wieder zum Militär an sich zurückzukehren und es auf der Basis der so gewonnenen Informationen umso differenzierter und besser betrachten zu können. In Band 1 finden sich hier bspw. die Kapitel "Die Preußische Heeresreform", "Die allgemeine Wehrpflicht oder die Nation in Waffen", "Von der Berufung Bismarcks bis zur "Indemnität"" oder "Militär und Gesellschaft". In Band 2 finden sich hier bspw. die Kapitel "Die Gesellschaft des Kaiserreiches im Krieg", "Systematische "Wehrhaftmachung der Nation"", "Der Soldat in der Gesellschaft" oder "Besatzungsherrschaft und verbrecherische Kriegführung". In Band 3 finden sich hier bspw. die Kapitel "Die Integration der Bundesrepublik in den Westen (1949-1957)", "Militär und Landesverteidigung in der Ulbricht-Ära (1956-1970)", "Amerikanische Krise und sowjetische Offensive" oder "Bundeswehr und Multinationalität".

Konsequenterweise folgt mit dem Kapitel „Strukturen“ dann das Kapitel, das „die Organisation der Streitkräfte im umfassenden Sinne, aber auch verstärkt die „Lebenswelt“ der Soldaten“ beinhaltet. Hier konzentriert sich der GKDM nun auf das Militär als Objekt sui generis – und kann dies auch tun, weil die Einordnung ja im Kapitel „Umfeld“ bereits vorgenommen wurde. Waffengattungen, Kriegsbild, Armeeorganisation, militärische Kultur, Technik, Taktik – all das wird hier en detail besprochen und zwar in einer Art und Weise, welche die Militärgeschichte nicht wie so oft durch Fachsprache zu einer Arkanwissenschaft macht, zu der nur (Ex-)Soldaten Zugang finden, sondern ganz im Gegenteil klar, verständlich und sachlich auf Grundkursniveau – für jeden verständlich und zugänglich. In Band 1 finden sich hier bspw. die Kapitel "Ausrüstung, Uniformierung und Versorgung", "Die Bundesfestungen", "Militär, Eisenbahn und Telegraf" oder "Seestrategien und maritime Konzeptionen". In Band 2 finden sich hier bspw. die Kapitel "Waffengattungen und Taktik", "Personal und Ausbildung der Reichswehr", "Luftkriegstheorien und Kriegsbild" oder "Die Wehrmacht". In Band 3 finden sich hier bspw. die Kapitel "Die "Innere Führung"", "Die Konsolidierung der NVA als Bündnisarmee", "Das System der "sozialistischen Landesverteidigung"" oder "Bundeswehr in der Transformation".

Das dritte wiederkehrende Kapitel ist unter dem Titel „Konflikte“ zusammengefasst, sofern im betrachteten Zeitraum solche auftraten. In diesem Kapitel „stehen die militärischen Auseinandersetzungen im Mittelpunkt, sofern sie für die deutsche Militärgeschichte von Bedeutung waren.“ Hier finden sich Kriegsverläufe, Schlachtendarstellungen und dergleichen. Dabei ist großer Wert darauf gelegt worden, das Kapitel in sich in zusammenhängende Narrative zu gliedern, die den Leserinnen und Lesern einen Sachverhalt en bloc vermitteln, bevor der nächste abgehandelt wird. Dies ist ein deutlich ertragreicherer Zugang als die sklavische Befolgung der chronologischen Abläufe. In Band 1 finden sich hier bspw. die Kapitel "Die Revolutionskriege", "Der Krieg gegen Dänemark 1848 bis 1850", "Der "Bruderkrieg" 1866" oder "Die Kolonialkriege des Deutschen Reiches". In Band 2 finden sich hier bspw. die Kapitel "Der Krieg im Westen 1914 bis 1917", "Die Einsätze der Hochseeflotte 1916 bis 1918. Zusammenruch und Revolution", "Hitlers "persönlicher Krieg": "Weltblitzkrieg" gegen die Sowjetunion" oder "Sturm auf die "Festung Europa"". Das Kapitel ist im dritten Band nur im letzten Kapitel präsent und läuft nun unter "Einsätze." Hier findet man nun die Unterteilung in "Hilfseinsätze", "Auslandseinsätze bis zum Urteil des Bundesverfassungsgerichtes 1994" "Urteil des Bundesverfassungsgerichtes und Fürsorgemaßnahmen", Auslandseinsätze nach dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes", "Kampf gegen den Internationalen Terror" und "Sonstige Einsätze".

Die saubere Trennung in diese immer gleichen drei Kapitel hat Vor- und Nachteile. Der Vorteil besteht in einer geordneten Struktur des Gesamtwerkes. Leserinnen und Leser wissen stets, was sie im folgenden Großkapitel erwarten wird und dadurch fühlt man sich trotz der Masse des Stoffes nie verloren. Gleichzeitig erlaubt es die Strukturierung, sich entlang der Längsschnitte durch die Bücher zu hangeln, wenn man dies will. So wird der Grundkurs plötzlich zu einem spezialisierten „Handbuch der militärischen Strukturen“, wenn man stets nur das zweite Kapitel liest. Der Nachteil der Strukturierung hingegen liegt in der Tatsache, dass man gelegentlich bestimmte Themen nur mühsam findet, weil sie in mehrere Bereiche gehören könnten. Oder bestimmte Aspekte werden in allen Kapiteln gleichermaßen aufgegriffen und wiederholen sich so für den Leser. Insgesamt ist dem GKDM aber anzumerken, dass die Macher sich dieser Gefahr bewusst waren und versucht haben, diese Problematik so weit wie möglich zu minimieren. Positiv hervorzuheben ist, dass zentrale historiographische Begriffe oder Theorien namentlich zugeordnet werden. Oftmals kranken Übersichtswerke daran, dass solche Begriffe und Schlagworte, die besonders für Studierende dringend der Zuordnung bedürfen, ohne Urheberschaft verwendet werden. Der GKDM hingegen benennt die Urheber in der Wissenschaft so gängiger Begriffe wie „gezähmte Bellona“ (Ritter) und „Teilidentität der Zielvorstellungen“ (Messerschmidt).

Überhaupt ist das Werk in seiner gesamten inhaltlichen Ausrichtung bemüht, den Forschungsstand möglichst umfassend und so differenziert wie möglich wiederzugeben, soweit der Raum das zulässt. Selbstverständlich gilt, dass bei jedem Thema ein Fachmann ober der gerafften Darstellung die Stirn runzeln kann – aber es handelt sich um einen Grundkurs, nicht um ein Buchregal von Spezialmonographien. In diesem Rahmen erfüllt der GKDM seine Aufgabe ausgezeichnet.

Die optische Aufmachung der Bände verdient besondere Erwähnung. Der GKDM ist bunt. Sehr bunt. Extrem viele Bilder und Fotos, Plakate und Pläne, farbig hinterlegte Exkurskästchen und Worterklärungen, historische Stiche, Diagramme und dergleichen dominieren das Buch deutlich. Gelegentlich fühlt man sich an einen Museumskatalog erinnert, der Text zur Unterstreichung der Exponate liefert und weniger an ein Buch, das Bilder zur Unterstreichung des Textes liefert. Man kann darüber geteilter Meinung sein. Einerseits ist es sehr begrüßenswert, dass das Thema durch diese Materialien aufgelockert wird. Gerade bei der Technik und bei bestimmten kulturhistorischen Aspekten gilt eindeutig, dass ein Bild hier tatsächlich mehr als tausend Worte sagt. Andererseits kann man dem Kurs durchaus den Vorwurf machen, es ein wenig übertrieben zu haben.


Yerxa, Donald A.: Recent Themes in Military History: Historians in Conversation (Columbia 2008)

Die Debatte zwischen Forscherinnen und Forschern ist eines der konstituierenden Elemente des allgemeinen Wissenschaftsbetriebes und damit einer der wichtigsten Aspekte auch der Geschichtswissenschaft. Die direkte Debatte miteinander auf hohem Niveau ist das Fluidum, das die Wissenschaft dynamisch und lebendig erhält. Debatten eröffnen Themenfelder, zeigen die Facetten eines Themas auf, skizzieren die Entstehung und Entwicklung der verschiedenen Perspektiven auf das Thema und die Gewichtung der Facetten. Debatten treiben das Feld durch den Wettbwerb der Argumente voran, werfen neue Fragen auf und fördern so die Entwicklung einer Wissenschaft. Gleichzeitig sind sie dadurch aber auch der Teil der Wissenschaft, der für Laien und/oder Anfängerinnen und Anfänger am schwersten nachzuvollziehen ist, weil die Forscherinnen und Froscher ihre Debatten teilweise über Jahre hinweg führen und dies in Fachzeitschriften, die man a) ersteinmal kennen muss und die b) für Aktion und Reaktion nicht unbedingt die gleiche Zeitschrift sein müssen. Es handelt sich also um langwierige, versteckte, dezentrale Prozesse - nicht leicht, da einzusteigen und die Kenntnis der aktuellen Hauptdiskussionen, der zentralen Thesen und ihrer führenden Akteure auf einem Themenfeld sind nicht zuletzt deshalb eines der Kriterien, die ernstzunehmende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von Amateuren unterscheiden.

Yerxas Sammelband vereinigt diverse Beiträge der Zeitschrift "Historically Speaking" mit dem Thema Militärgeschichte und gibt den interessierten Anfängern dieses Feldes so die Möglichkeit, in einige Debatten hineinzuschnuppern. Behandelt werden die Bereiche "Military Revolutions, Now and Then", "The Future of War", "Soldiering and the Experience of War" und "War and the Human Condition".

Es handelt sich hier zum Teil um kurze Aufsätze, zum Teil um Interviews, die Yerxa mit den Forschern geführt hat. Die Beiträger sind mit Denis Showalter, Jeremy Black, Niall Ferguson, Geoffrey Parker, Peter Paret, Victor Davis Hanson, Antulio J. Echevarria II., Max Boot und anderen sehr prominente Vertreter der angloamerikanischen Militärgeschichte. Dieses Feld von Forschern bietet ein weites Panoptikum von konkurrierenden Ansätzen, die in diesem Sammelband quasi wie in einer Versuchanordnung Kurzdebatten zu den oben genannten Themen führen.

Was ist der Wert dieser Konstruktion? Auf der Habenseite ist erstens zu verbuchen, dass die Leserinnen und Leser eine ganze Reihe von wichtigen Forschern namentlich kennenlernen und ihre Schwerpunkte in klarer Abgrenzung zu anderen Forschern sehen - etwas, das beim Lesen von zwei tausendseitigen Monographien zum gleichen Thema gerade Anfängerinnen und Anfängern oft nicht leicht fällt oder, wenn es sich um diffizile Zwischentöne handelt, vielleicht sogar ganz unmöglich ist. Zweitens sind die Interviews und Artikel knackig und kurz, so dass das Buch auch gut "wegzulesen" ist - nicht unwichtig bei einem Format, das Interesse wecken soll. Drittens ist der lockere Schreibstil mit direkten Bezügen aufeinander geeignet, um zu die Zusammenhänge untereinander klarer zu sehen und gleichzeitig unterhalten zu werden.

Die Schwäche des Buches liegt darin, dass die Artikel ob ihrer Kürze und gemeinsamen Provenienz nicht dazu geeignet sind, einen wirklichen Einstieg in die Nachvollziehung wissenschaftlicher Debatten zu geben. Hier fehlt ein reflektierendes Kapitel, dass den Leserinnen und Lesern klarmacht, dass sie sich mit dem Buch zwar sehr souverän im Wasser der Debatten bewegt haben - aber dies immer noch in einem eingehegten Nichtschwimmerbecken. Wer frei schwimmen will, muss die Fachzeitschriften kennen, muss lange Artikel lesen, verstehen und einordnen können - das nötige Handwerkszeug dazu liefert Yerxas Buch aber leider nicht. Als kleine Ausgleich liefert die Sammlung immerhin eine nach Themen sortierte Bibliographie zum "Further Reading" - immerhin etwas, aber genau HIER wären ja Aufsätze doppelt sinnvoll gewesen und genau hier bekommt man fast ausschließlich Monographien präsentiert.


Müller, Rolf-Dieter: Militärgeschichte (Stuttgart 2009)

Müllers "Militärgeschichte" ist ein gewagtes Unternehmen: Eine globale und epochenübergreifende Militärgeschichte auf nur 300 Seiten, dazu 50 Seiten Überlegungen zur Militärgeschichte an sich und zu theoretischen Kernkonzepten. Das Ganze ohne Bebilderung, ohne Exkurse, ohne Unterstrukturierung - dieses Buch ist in jeder Hinsicht der konzeptionelle Alternativentwurf zum "Grundkurs deutsche Militärgeschichte", kommt aber ebenso wie dieses von einem Mitarbeiter des MGFA, wo er Leiter des Bereiches "Zeitalter der Weltkriege" ist.

Die Gewichtung von Epochen und Regionen gestaltet sich dabei ungleichgewichtig: Die Antike ("Cives et milites: Militär und Kriegführung in der Antike") wird auf ca. 30 Seiten behandelt, davon 20 Seiten Rom und Griechenland und nur ca. 10 Seiten für die "altorientalischen Ursprünge" und die "Großreiche in Asien". Das Mittelalter ("Von der Bauernarmee zum Beruskriegertum: Das Zeitalter der Ritter") kommt sogar ebenfalls mit 30 Seiten aus, davon wiederum 10 für außereuropäische Kriegskulturen. Die Frühe Neuzeit zerfällt aus militärhistorischer Sicht in zwei Phasen, die folgerichtig in zwei etwa gleich große Kapitel zerfallen, nämlich "Die gekaufte Sicherheit: Das Zeitalter der Söldner und Kriegsunternehmer" mit knapp 30 Seiten und "Stehendes Heer und Kabinettskrieg: Die Zähmung des Krieges" mit gut 20 Seiten. Bei diesen beiden Kapiteln liegt der Fokus nun allerdings ausschließlich auf Europa, was angesichts der spannenden Entwicklungen besonders in Indien und Japan ausgesprochen schade ist. Der Übergang zur Neuzeit findet unter dem Titel "Massengesellschaft und Volkskrieg: Die Enthemmung des Krieges" auf fast 40 Seiten Platz, während das ausgehende 19. Jahrhundert und das 20. Jahrhundert in drei Kapiteln ca. 140 Seiten einnehmen und von der rein westlichen Perspektive dominiert werden. Es folgt ein kurzer Epilog über mögliche Entwicklungen in der Zukunft.

Das bedeutet, dass der Fokus ganz deutlich auf der Neuzeit (110 Seiten für 3000 Jahre Militärgeschichte bis 1789, 140 Seiten für 220 Jahre Militärgeschichte seit 1789) und auf Europa bzw. dem westlichen Kulturkreis liegt. Beide Gewichtungen sind absolut gängig, aber Jeremy Blacks jahrelange Plädoyers für eine weniger eurozentristische und gleichgewichtiger epochenübergreifendere Perspektive hätten bei so einem brandneuen Werk aus einer Feder durchaus ihren Niederschlag finden können. Vielleicht liegt aber auch gerade hier das Problem: Abgesehen von Ausnahmen wir Black müssen wir fairerweise alle eingestehen, unseren Epochen und Regionen sehr stark verbunden zu sein. Vielleicht ist dies nur zu überwinden, wenn die Autorenschaft eben doch auf mehrere Spezialisten aufgeteilt wird, wie dies bei der World History of Warfare von Archer, Ferris, Herwig und Travers praktiziert wurde. Andererseits schafft jemand wie John Lynn den Sprung über Epochen- und Regionengrenzen mit Hilfe von Freunden und Kollegen ja auch - schließlich geht es hier um eine Gesamtschau, keinen detaillierten Forschungsbeitrag für ein Spezialthema.

Müllers Buch bleibt ein enorm dichtes und lehrreiches Werk. Der Hauptteil ist mit Namen, Schlachten, Daten, aber eben auch aktuellen Thesen und Interpretationen geradezu vollgestopft. Ein trockener Stil runden das Bild ab zu einem spröden, aber reichhaltigen Werk sehr konservativen Zuschnittes. Die Belegarbeit ist stark reduziert, was dem Format des Buches zuzuschreiben ist, aber eklektisch: Wenn ein Buch genannt wird, so handelt es sich stets um ein Werk, dass man tatsächlich gelesen haben sollte, wenn man sich in den entsprechenden Bereich vertiefen will.