Prosopographie

Aus LernWerkstatt Geschichte
Wechseln zu: Navigation, Suche

Von Dr. Balbina Bäbler Nesselrath

Inhaltsverzeichnis

Was ist Prosopographie und womit beschäftigt sie sich?

Der Begriff stammt von den griechischen Wörtern prósopon (Person) und gráphein (schreiben). Die Prosopographie versucht, Angehörige eines bestimmten Personenkreises – einer bestimmten Zeitspanne, Kultur oder gesellschaftlichen Gruppe – systematisch zu erfassen. Dafür müssen (in oft langwieriger Kleinarbeit) alle Quellen aus Literatur, Papyrologie, Epigraphik und Numismatik zu den einzelnen Personen zusammengetragen werden. Viele dieser Quellen stellen öffentlich zugängliche Dokumente dar; Münzen ermöglichen etwa eine präzise Datierung von Amtszeiten.

Dabei können schon die Namensformen zahlreiche Informationen liefern. Griechische Namen bestehen in der Regel aus dem eigenen Namen, dem des Vaters und manchmal des Großvaters oder weiterer Vorfahren im Genitiv; in Attika wird seit 403 v. Chr. Name, Name des Vaters im Genitiv (Patronymikon), und die Herkunfts-Gemeinde (Demotikon) genannt. (Z. B.: Xenophon Gryllou Erchieus: „Xenophon, Sohn des Gryllos, aus dem Demos Erchia“). Bei Fremden, die in Attika lebten, ist oft das Herkunftsland bezeichnet (Ethnikon). Römische Namen bestehen aus Name (nomen), Name der Familie bzw. des Geschlechts (nomen gentile) und (meistens) Beiname (cognomen), z. B. Gaius Iulius Caesar. Achtung: In den Lexika sind Römer immer unter dem Gentilnamen verzeichnet, also Cicero unter Tullius, Caesar unter Iulius, Scipio unter Cornelius. Nicht alle Römer haben ein cognomen (z. B. Marcus Antonius).

Aufgrund der Quellenlage sind Informationen über Angehörige der Oberschicht natürlich zahlreicher. Die Prosopographie vermittelt also zunächst Informationen zu Einzelpersonen (Daten und Datierungen zu Lebenszeiten und Ämterlaufbahnen; Abstammung, Verwandtschaft, u. a. m.). Damit können bestimmte Personen und Gruppen in Zusammenhänge miteinander gebracht werden, woraus sich sowohl neue Erkenntnisse wie auch neue Fragestellungen ergeben. Dies können zeitliche und / oder gesellschaftliche Zusammenhänge sein, wie z. B. die begüterten Familien Athens in klassischer Zeit, militärische Funktionäre im hellenistischen Makedonien, Senatoren der römischen Republik, Reichsbeamte einer bestimmten römischen Provinz. Ein anderes Kriterium der Zusammengehörigkeit ist der soziale Kontext, etwa von Witwen, von Priestern oder Priesterinnen, von Juristen, oder die Herkunft oder Religion bestimmter Gruppen. So können Prinzipien bei der Besetzung von Ämtern, Familienzusammenhänge und Karrieren, Aufstiegsmöglichkeiten von Leuten geringer sozialer Herkunft oder Ausländern, die Zusammensetzung einer bestimmten militärischen Truppe sichtbar gemacht werden.

Eine Beispiel ist die Untersuchung der römischen fasti consulares, die ergab, dass noch unter Augustus kaum senatorische Familien aus den Provinzen kamen, am Ende des 2. Jh.s jedoch schon die Hälfte aller senatorischen gentes; dies zeigt eine relativ schnelle und tiefgreifende Veränderung der Zusammensetzung des römisches Senates.

Die prosopographische Methode ermöglicht auch näheren Aufschluss über Angehörige von Gruppen, die von direktem aktiven Eingreifen in die Politik ausgeschlossen waren, wie etwa Frauen. Dennoch sind zahlreiche Frauen, die in der römischen Republik und Kaiserzeit prominent waren und eine politische Rolle spielten (Fulvia, Clodia, Octavia, Julia) gut dokumentiert; gerade hier lohnt sich eine erneute Befragung des Materials, da die entsprechenden Lexikon-Artikel oft stark von der Zeit geprägt sind, in der sie geschrieben wurden.

Mögliche Probleme der Prosopographie

  • Fehlende Dokumente machen es bisweilen unmöglich, die Einbindung einer Person in ihr soziales Umfeld nachzuvollziehen; aber nicht vorhandene Quellen dürfen nicht dazu verleiten, Schlüsse e silentio zu ziehen.
  • Griechen nannten ihre Söhne traditionell nach dem Großvater; manchmal ist umstritten, ob es sich bei einer bestimmten Person um den Sohn oder den Enkel handelt.
  • In Rom wird hin und wieder das mütterliche Gentilnomen übernommen, wenn diese Familie bedeutender war als die des Vaters. Adoptionen, die in Rom aus politischen Gründen häufig waren, sind nicht immer am Namen sichtbar. Die kaiserlichen Gentilnamen Iulius und Claudius sind extrem häufig; eine so benannte Einzelperson könnte aber auch einer ganz anderen Familie angehören, doch wenn sie nicht ein seltenes cognomen trägt, ist eine Zuweisung unmöglich. Urkunden aus dem römischen Ägypten zeigen zudem, dass Leute manchmal ihren Namen wechselten.

Insgesamt ermöglicht die Prosopographie vertiefte Einblicke in historische Zusammenhänge und ist eine grundlegende Methode der strukturellen Geschichtsschreibung. Man muss aber die Repräsentativität auch vermeintlich objektiv-dokumentarischer Quellen hinterfragen und sich ihrer Unterschiedlichkeit bewusst sein. Es ist nicht immer möglich, von äußeren Fakten auf dahinterliegende Motive zu schließen, und bestimmte Angaben können oft in unterschiedlicher Weise interpretiert werden.

Literaturhinweise

  • W. Eck (Hrsg.), Prosopographie und Sozialgeschichte. Studien zu Methodik und Erkenntnismöglichkeit der kaiserlichen Prosopographie, Kolloquium Köln, 24-26. Nov. 1991 (Köln 1993)
  • R. Günther, Einführung in das Studium der Alten Geschichte (Paderborn etc. 2001) 240-255.

Die wichtigsten Sammelwerke

  • PA: J. Kirchner, Prosopogaphia Attica, 2 Bde. (Berlin 21901 / 1903, Ndr. 1966); J. Sundwall, Supplement to J. Kirchner’s Prosopographia Attica (Helsinki 1910, Ndr. Chicago 1981)
  • J. K. Davies, Athenian Propertied Families 600-300 BC (Oxford 1971)
  • P. Poralla, Prosopographie der Lakedaimonier (bis 323 v. Chr.) (Breslau 1913, Ndr. Chicago 1985)
  • A. S. Bradford, A prosopography of Lacedaimonians (323 BC -396 AD) (München 1977)
  • H. Berve, Das Alexanderreich auf prosopographischer Grundlage, 2 Bde. (München 1926)
  • MRR: T. R. S. Broughton, The Magistrates of the Roman Republik, 3 Bde. 1951-1986
  • W. Eck, Senatoren von Vespasian bis Hadrian (München 1970)
  • PIR: E. Klebs / H. Dessau / P. v. Rohden, Prosopographia Imperii Romani, 3 Bde. (Berlin 1897-1898; Neubearbeitung (bis R): PIR2 (E. Groag / A. Stein / L. Petersen; Berlin 1933)
  • PLRE: A. H. M. Jones / J. R. Martindale / I. J. Morris, The Prosopography of the Later Roman Empire Bd. 1: A. D. 260-395 (Cambridge 1971); J. R. Martindale, The Prosopography of the Later Roman Empire Bd. 2: A. D. 395-527 (Cambridge 1980); Bd. 3: A. D. 527-641 (Cambridge 1992)

Links