Rommels Hose

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Panzer neben Pflugschare!


Replik auf den Artikel „Rommels Bluse“ von Guido Sprügel, Jungle World 30/2008





Das Panzermuseum in Munster zu kritisieren ist einfach. Und das Panzermuseum in Munster zu kritisieren ist nötig. In seiner jetzigen Form ist es nämlich im Kern nur eines: Eine militärtechnische Geräteschau ohne historische Kontextualisierung. Das liegt erstaunlicherweise weniger daran, dass sich das Museum dieser Notwendigkeit nicht bewusst wäre. An Litfasssäulen angebrachte Tafeln mit relativ kurzen (und doch zu langen) Texten zur allgemeinen Geschichte sind nämlich der Versuch, einen solchen kontextualisierenden Rahmen zu schaffen für das, was da an Objekten präsentiert wird. Mehr kann das Museum in seiner jetzigen Infrastruktur nicht leisten – aber das reicht leider nicht im Mindesten. Der so bereitgestellte Rahmen würde schon für ein normales Museum kaum reichen. Er reicht noch viel weniger für das schwierigste alle museologischen Themenfelder – das Ausstellen von Tötungsgerät.


Dieses Feld ist eine Königsdisziplin für Museologen. Die Ausstellung von Kriegsmaterial ist grundsätzlich erst einmal nichts verwerfliches, solange sie in einem seriösen geschichtswissenschaftlichen Konzept geschieht, im Gegenteil: Einen Panzer als Teil der Geschichte zu begreifen und als Objekt dieser zeigen zu wollen, sollte genauso selbstverständlich sein, wie einen Pflug, ein Trinkgefäß oder etwas ähnliches zu zeigen. Der Krieg ist ein wichtiger Teil unserer Geschichte, ob uns das gefällt oder nicht. Und die Präsentation von Objekten aus diesem Themenkreis ist prinzipiell genauso legitim wie die Präsentation eines Pfluges, der seine Legitimation aus der Wichtigkeit der Agrartechnik für unsere Geschichte zieht.


Und dennoch, und an dieser Stelle kommt die Wasserscheide zwischen Agrargeschichte und Militärgeschichte, darf man sich nichts vormachen und niemals vergessen: Wer Tötungs- und Vernichtungsgerät ausstellt, stellt Objekte sui generis aus. Tod und Vernichtung als dunkelste Regionen menschlichen Verhaltens sind museologisch gesehen ein ernstes Problem: Wie kann man die Dimensionen dessen, was dort ausgestellt wird, a) erfassen und b) darstellen? Geht das überhaupt? Und noch schonungsloser gefragt: Will man das überhaupt? Ist absolute Schonungslosigkeit dem didaktischen Anspruch bspw. einer Gedenkstätte zuträglich oder erreicht man so nur einen emotional overflow, der Erkenntnis verhindert?


Dieses Problem haben alle Ausstellungen, die sich mit Tod und Zerstörung befassen. Für militärhistorische Museen verschärft sich diese Lage aber noch einmal drastisch: Militär und insbesondere militärisches Gerät hat, im Gegensatz zu KZs, Sklaverei und Völkermorden, eine breite Schicht von Fans in der Gesellschaft. Die „Romantik des Krieges“, die noch bis zum Ersten Weltkrieg ein Konsens der bürgerlichen Gesellschaft war, mag nach den Weltkriegen verflogen sein. Eine breite Faszination für die Kultur des Militärs an sich besteht aber weiterhin, und davon nur scheinbar entkoppelt besteht vor allem eine zähe Begeisterung für das technische Material und die Ästhetik des Militärs. Das bedeutet, das militärhistorische Museen doppelt vorsichtig sein müssen: Nicht nur müssen sie sich mit der eben skizzierten allgemeinen Problematik auseinandersetzen – sie müssen darüber hinaus spezifisch aktiv Prävention gegen Kriegs- und Militärverherrlichung betreiben, da sie sonst nolens, volens zwangsläufig zumindest für Teile des Publikums zu einer Art Schrein werden können. Dies gilt noch einmal ganz besonders, wenn dabei, wie es in Munster automatisch der Fall ist, nicht nur ein (im historischen Sinne) „normaler“ Krieg, sondern ein mörderischer Vernichtungskrieg den Schwerpunkt der Ausstellung bildet. Wenn man in dieser Situation die kritische Kontextualisierung vernachlässigt, macht man sich als Museum für Kriegsgerät um ein vielfaches angreifbarer als beispielsweise ein normales, unkritisches Heimatmuseum. Denn durch eine unkritische Darstellung von „faszinierendem“ Tötungs- und Vernichtungsgerät befindet man sich ohnehin schon auf ethisch dünnem Eis, aber wenn dies auch noch mit Material des NS-Regimes verknüpft ist, so läuft man besondere Gefahr, einen Schrein für Militaristen, Waffenfetischisten und im schlimmsten Fall Neonazis bereitzustellen. Und diese Kritik funktioniert nicht nur ex negativo: Nehmen wir einmal theoretisch und pro bono an, so ein unkritisches Museum der Tötungstechnik würde kein Schrein für derlei Verehrung werden, so bliebe trotzdem die Frage offen: Was würde es denn im positiven Sinne leisten? Würde es vollwertig die Aufgaben eines Museum erfüllen? Natürlich nicht.


Das Panzermuseum in Munster hat in diesen Bereichen drastischen Nachholbedarf, denn es blendet momentan quasi Facetten der modernen, kritischen Militärgeschichtsschreibung aus, obwohl diese genau jene Probleme abfedern könnte. Oh ja, eine solche kritische Militärgeschichtsschreibung gibt es. Das mag manch einer kaum für möglich halten – in Deutschland aber gibt es sie spätestens seit den frühen 90er Jahren. Es handelt sich um eine Historiographie ziviler Prägung – mit modernen Methoden und Perspektiven, mit Einflüssen der Sozial-, der Wirtschafts-, der Mentalitäts-, der Alltags- und der Kulturgeschichte, ja sogar aus dem Bereich der Gender Studies. Sie wird betrieben von Frauen und Männern, bei letzterer Gruppe von vielen Linken und damit oftmals von Männern, die niemals „gedient“ haben und auch sonst keine emotionale Bindung an das Militär haben. Diese moderne Militärgeschichtsschreibung setzt sich ab von der „Anwendung der Militärgeschichte zur Verfeinerung der Kriegskunst“. Sie setzt sich ab von Schlachtfeldglorie und Sandkastenfeldherren. Sie nimmt die Verflechtungen der sozialen Großgruppe Militär mit der sie umgebenden Gesellschaft unter die Lupe, und zwar im Krieg wie im Frieden. Sie betrachtet nicht nur die Soldaten mit Gold auf der Schulter, sondern betreibt auch Militärgeschichte von unten. Sie befasst sich mit den Opfern ebenso wie mit den Tätern; sie interessiert sich für Zivilisten ebenso wie für Soldaten, wenn diese aufeinander treffen. Sie hinterfragt kritisch das Handeln und Tun des Militärs, und zwar inhärent wie auch im sozialen Kontext.


Wenn diese Einflüsse im Panzermuseum aufgegriffen und prominent geltend gemacht werden können, so könnte das Panzermuseum eine neue Legitimation erhalten. So ein Konzept ist komplex. Der Artikel „Rommels Bluse“ hat in seiner Struktur genau die Hilflosigkeit reproduziert, die er anklagt. Da wurden Fahrzeugmodelle benannt, um dann im nächsten Satz ohne wirklichen Zusammenhang zu betonen, dass dieses Fahrzeug bei diesen und jenen Teilen des Vernichtungskrieges eingesetzt wurde. In der Sache richtig, aber ein wirkliches Konzept ist das nicht. Denn so ein unvermitteltes Nebeneinanderstellen von Objekt und historischem Kontext gelingt auch mit Soldatensocken, Zigaretten und Kommissbrot. Die wurden nämlich bei der Vernichtung des Warschauer Ghettos auch getragen, geraucht und gegessen. Die spezifische Besonderheit des Objektes Panzer als Tötungs- und Vernichtungsgerät wird in so einer Nebeneinanderstellung nicht erfasst. Wenn es schon nicht gelingt, in einem Artikel die didaktische Ableitung vom Objekt zum Vernichtungskrieg zu konstruieren, so verrät das, um wie viel schwieriger dies in einem ganzen Museum sein wird.


Aber es hilft ja alles nichts – konstruktives Kritisieren ist gefragt. Das Panzermuseum hat sich aus seiner spezifischen Geschichte und Trägerschaft heraus so entwickelt, wie es vor uns steht. Kritische geschichtswissenschaftliche Vermittlung war bisher schlicht und ergreifend nicht Teil des Konzeptes, und das ist der Punkt, der sich ändern muss. Es ist mit über 70.000 Besuchern eines der größeren in Deutschland, und diesen Status muss es nutzen, um den Besuchermassen eine kritische Perspektive auf die Exponate zu ermöglichen. Dies ist, wie betont, ein komplexes, aber kein unmögliches Unterfangen. Andere Museen in Europa wie das Museum Historial de la Grande Guerre (Pèronne, FR) und das Imperial War Museum North (Manchester, GB) machen es vor. Die Integration von kultur-, mentalititäts- und alltagsgeschichtlichen Ansätzen ermöglicht einen differenzierten und empathischen Blick auf Opfer und Täter, die Ergänzung um sozialgeschichtliche Ansätze ermöglicht den kritischen Blick auf die soziale Großgruppe Militär und dessen Motivationen, Handlungen und die Verbindungen mit Politik und Wirtschaft. Die Verknüpfung dieser Perspektiven mit den konkreten Objekten wird museologisch betrachtet der gordische Knoten einer solchen Umstrukturierung, aber diese Aufgabe ist unumgänglich und sie ist zu bewältigen! Wenn es gelingt, dass kritische Fachwissenschaft in das Panzermuseum Einzug erhält, erhält es unweigerlich eine neue Legitimation. Dann kann es wirklich zu einem Ort des Wissens, des Lernens und des Nachdenkens werden – des Nachdenkens über ein unangenehmes, aber nicht wegzudiskutierendes Kapitel unserer Geschichte, das eine Präsentation ebenso verdient wie alle anderen Kapitel.




Ralf Raths, M.A.