SPD 1910

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1910,1.7.: Entwicklung der SPD in Schaumburg-Lippe

Beilage zur Jubiläums-Nummer der Bielefelder Volkswacht vom 1. Juli 1910

„Schaumburg-Lippe. Die ersten Anfänge der sozialistischen Bewegung datieren aus dem Anfang der 80er Jahre, als von Hannover die ersten Genossen nach hier zogen. Zwar waren die ersten Anfänge kümmerlich genug. Der „Socialdemokrat” wurde unter dem Sozialistengesetz, soweit noch festgestellt werden kann, in drei Exemplaren bezogen und zwar von hannoverschen Genossen. Die Zusammenkünfte wurden gewöhnlich so arrangiert, daß man Ausflüge machte und in Dorfwirtschaften sich als Gesangvereinsmitglieder ausgab oder man kam im Geheimen in der Wohnung eines Genossen zusammen.

Die erste öffentliche Versammlung fand im Jahre 1887 gelegentlich der Faschingswahl statt, in welcher der nachmalige Reichstagsabgeordnete Meister aus Hannover und Genosse Hagemeier-Bielefeld referierten. Im Jahre 1887 wurde Genosse Meister aus Hannover aufgestellt, der 172 Stimmen auf sich vereinigte. Bis zu dieser Zeit war der Wahlkreis Schaumburg-Lippe durch einen freisinnigen Reichstagsabgeordneten vertreten, der jedoch durch den konservativen v. Oheimb abgelöst wurde. Nach den Wahlen ruhte das Interesse. Erst die Wahlen im Jahre 1890 weckten es wieder. Es wurde Genosse Grothe von Hannover aufgestellt. Auch fanden mehrmals Versammlungen statt. Durch Flugblätter, die von Hannover bezogen wurden, konnte bei der geringen Zahl der Genossen nicht der ganze Kreis bearbeitet werden, es wurde nur strichweise der Kreis belegt. Die Wahlen 1890 ließen die Stimmenzahl auf 1110 anschwellen. Die Taktik der Genossen wurde auch nach Aufhebung des Sozialistengesetzes keine andere; die Zusammenkünfte fanden nach wie vor heimlich statt. Auch von einer Organisation war noch nicht zu reden. Es waren einige rührige Genossen, die die Agitation betrieben; die bei den Wahlen nötigen Mittel wurden durch Sammellisten aufgebracht.

Kurz vor der Wahl im 1893 erschien Flöther, der durch sein Redetalent das Vertrauen der Genossen sich erwarb und er wurde als Kandidat aufgestellt. Er erhielt 1301 Stimmen. auf dem platten Lande wurden Versammlungen abgehalten; auch besuchte Flöther die gegnerischen Versammlungen, da uns in dieser Zeit die Gegner noch zu Wort kommen ließen. Differenzen nach der Wahl führten zum Ausschluß Flöthers.

Nachdem erfolgte der Anschluß an die Genossen in Bielefeld und seither wurde das Bielefelder Agitationskomitee zu allen Bewegungen herangezogen. Durch die erwähnten Mißhelligkeiten war es erklärlich, daß bei der Wahl 1898 ein Stimmenrückgang eintrat. Bereits im Herbst 1898 fand aus Anlaß des Todes des Abgeordneten eine Nachwahl statt, die jedoch nur wenig Interesse in der Bevölkerung fand und bei der die Stimmen unseres Kandidaten auf die Hälfte zurückgingen. Im Jahre 1902 fand wieder eine Nachwahl statt. Diese machte die Schlappe wieder wett. Unsere Stimmenzahl ging auf 1634.

In diese Zeit fällt die Gründung der ersten Organisation. Bisher wurden die Beiträge entweder durch Sammellisten oder Verkauf selbstangefertigter Marken aufgebracht. Am 1. März 1902 wurde allerdings auch nur eine lose Organisation ins Leben gerufen, da sozialdemokratische Wahlvereine in Schaumburg-Lippe verboten waren, oder, wie es im Gesetz heißt, ‘Vereine, die gegen die bestehende Gesellschaftsordnung gerichtet sind, sind verboten’.

Seit dieser Zeit ist ein langsamer Aufstieg zu verzeichnen und bei Einführung des Reichsvereinsgesetzes war es uns möglich, eine feste Kreisorganisation zu gründen, der zurzeit 300 Mitglieder angehören.

Im Landtage haben wir einen sozialdemokratischen Abgeordneten und in Stadthagen haben wir 6 Mandate der dritten Abteilung des Bürgervorsteherkollegiums in Besitz.”