Schaumburg

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von Karl H. Schneider

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Wenn heute von Schaumburg die Rede ist, wird damit der 1977 gegründete Landkreis Schaumburg gemeint. Allerdings blickt dieser auf eine längere Vorgeschichte zurück. Bis 1640 bestand im Gebiet zwischen Minden, den Weserbergen, dem Schaumburger Wald, dem Süntel und dem Steinhuder Meer die sog. alte Grafschaft Schaumburg. Mit dem Aussterben des letzten Schaumburger Grafen endete die Geschichte dieser Grafschaft. In einem komplizierten Prozess wurde dieses Territorium aufgeteilt: einige Gebiete zogen die Herzöge von Calenberg direkt ein (die Ämter Lauenau und Blumenau), während das übrige Gebiet an die Landgrafen von Hessen-Kassel fiel, die aber nur einen Teil (den südöstlichen) direkt als Landesherren übernehmen konnten, während sie den nordwestlichen Teil an eine Linie der Grafen zur Lippe als Lehen abtreten mußten.

Die Teilung

So gab es nach 1647 zwei Territorien: - die Grafschaft Schaumburg, deren Landesherr der Landgraf von Hessen-Kassel war, mit einer Regierung in Rinteln, - die Grafschaft Schaumburg - lippischen Anteils, deren Grafen aus Lippe stammten. Die Bezeichnung dieses Teils wechselten in den folgenden anderthalb Jahrhunderten, bis daraus im 19. Jahrhundert die bis heute gebräuchliche Bezeichnung Schaumburg-Lippe wurde.

Beide waren 1647 aus der alten Grafschaft Schaumburg hervorgegangen, dem Stammterritorium der Grafen zu Holstein-Schaumburg. Nach dem Tod des letzten Schaumburger Grafen Otto VI. 1640 wurden sie in einem aufwendigen und langwierigen Verhandlungsprozeß geteilt: nachdem schon zuvor die Herzöge von Braunschweig-Calenberg aufgrund alter Lehnsrechte die Ämter Lauenau, Bokeloh und Mesmerode eingezogen hatten, mußten die übrigen lehnsherrlichen Rechte des Hochstifts Minden, der Landgrafschaft Hessen-Kassel und der Grafschaft Lippe berücksichtigt werden. Am Ende übernahm Hessen die mindischen (jetzt schwedischen) Rechte. Während die eine Hälfte von Kassel in Personalunion direkt verwaltet wurde, wurde mit der anderen Hälfte Graf Philipp zur Lippe belehnt, der damit das Haus Schaumburg-Lippe begründete. Die Teilung erfolgte aufgrund der Einkünfte der einzelnen Ämter. Der schaumburg-lippische Teil erhielt die Ämter Hagenburg, Bückeburg, Arensburg und Stadthagen, Hessen die (großen) Ämter Rodenberg und Schaumburg. Das Amt Sachsenhagen wurde geteilt: der kleinere Anteil (einschließlich Sachsenhagens) kam zu Hessen, der Rest zu Schaumburg-Lippe. Daneben blieben weitere Einkünfte der Grafschaft beiden Herrschaften zur gemeinsamen Verwaltung überlassen: solche der Propstei Obernkirchen, des Stiftshofs in Rinteln, des Klosters Egestorf (für die Universität Rinteln), der Bergwerke und der Weserzölle. Gemeinschaftliche Einrichtungen waren zunächst noch die Universität in Rinteln und die Landstände. Die endgültige Grenzziehung erfolgte erst 1733. Noch im 17. Jahrhundert wurden einige Gemeinsamkeiten aufgegeben, wie die Beteiligung Schaumburg-Lippes an der Universität oder die gemeinsamen Landtage.

Als gemeinsame Einrichtung blieb der Bergbau bis Anfang in die Zeit der Weimarer Republik, er ließ sich nicht teilen, weshalb sich beide Herrscher (und nach 1866 der preußische Staat als Nachfolger der hessischen Landesherren) die Einnahmen teilten, wovon ganz besonders im 19. Jahrhundert die schaumburg-lippischen Fürsten profitierten.


Schaumburg-Lippe

Der Kleinstaat ist Schaumburg-Lippe, seit 1807 Fürstentum, mit einer Fläche von 340 km² und einer Bevölkerung von etwas über 26.000 Einwohnern (1814) nur knapp größer als der kleinste Staat im Deutschen Bund1; er hatte mit 77,5 Einw./km² eine im Vergleich zum Bundesdurchschnitt (45,9 Einw./km²) hohe Bevölkerungsdichte, die aber der anderer Kleinstaaten entsprach.2 Gleiches gilt hinsichtlich der Größe von 340 km². Unter den 26 Staaten im Deutschen Bund gab es immerhin acht mit einer Fläche von weniger als 1000 km², darunter auch die drei Hansestädte Lübeck, Hamburg und Bremen, und elf mit weniger als 100.000 Einwohnern, darunter auch Bremen und Lübeck. Schaumburg-Lippe befand sich mithin in guter Gesellschaft, bewegte sich jedoch am unteren Rande des Spektrums.

Die politischen Verhältnisse in Schaumburg-Lippe wurden von zwei Faktoren wesentlich bestimmt: der Dominanz des Fürstenhauses und dem Fehlen eines politisch aktiven und wirtschaftlich kräftigen Bürgertums. Beide Faktoren waren nicht zuletzt die Folge der geringen Größe des Territoriums.

Die erste Phase

Wichtige Voraussetzungen waren schon am Beginn des 19. Jahrhunderts gegeben. Sie entstammten der frühen Geschichte Schaumburg-Lippes (s.o.). Die zwischen 1640 und 1647 erfolgte Teilung der alten Grafschaft Schaumburg war zunächst noch unvollständig geblieben: die genaue Festlegung der Grenze zwischen beiden Gebieten erfolgte erst fast 70 Jahre später; die Universität in Rinteln und die Landstände blieben zunächst für beide Gebiete gemeinsam bestehen, gleiches galt für die Steinkohlenbergwerke. Die Politik Graf Philipps zielte darauf ab, diese bestehenden Gemeinsamkeiten möglichst abzubauen. Der Grund für diese Politik war vorrangig die wegen der lehnsrechtlichen Bindungen an Kassel unsichere staatliche Situation der Grafschaft Schaumburg-Lippe. Da Hessen mit der Grafschaft Schaumburg und drei ehemals hoyaisch-diepholzischen Ämtern noch über weitere norddeutsche Exklaven verfügte (die übrigens von Rinteln betreut wurden), war der Verdacht naheliegend, daß Hessen auf eine Gelegenheit zur Annexion Schaumburg-Lippes wartete.

Friedrich Christian

Eine zweite, vor allem innenpolitische Phase setzte in Schaumburg-Lippe unter Graf Friedrich Christian (reg. 1681-1728) ein. Er verursachte eine weitreichende, das noch junge Territorium destabilisierende Außen- wie Innenpolitik. Vornehmlich in der Innenpolitik wurden die Rechte der schaumburg-lippischen Landstände weitgehend abgebaut. Das geschah auf eine persönlich verletzende Art und Weise, spiegelte aber gleichzeitig einen absolutistischen Anspruch wider, der nicht auf Schaumburg-Lippe begrenzt war. Gleichzeitig wurde die Verwaltung durch häufige personelle Wechsel und die Verwendung von Ausländern erheblich in ihrer Effizienz beeinträchtigt. Der Versuch des Grafen, nach der Scheidung seiner ersten Ehe das Land an Hessen zu verkaufen, scheiterte jedoch.

Graf Wilhelm

Seine beiden Nachfolger, Albrecht Wolfgang (1728-1748) und Wilhelm (1748-1777), wichen zwar in ihrem Regierungsstil erheblich von dem Friedrich Christians ab, die Ausschaltung der Landstände wurde aber auch von ihnen nicht wieder rückgängig gemacht. Der Höhepunkt kleinstaatlicher Politik wurde unter Wilhelm erreicht. Wilhelm nahm dabei gewissermaßen die Politik seines Urgroßvaters, des Grafen Philipp, wieder auf. Er versuchte mit allen Mitteln zu verhindern, daß das Land eines Tages von Hessen übernommen wurde. Dem diente eine ausgefeilte, allerdings auch teure Verteidigungs- und Militärpolitik. Aufstellung einer eigenen kleinen, aber schlagkräftigen Truppe, der Bau der Wilhelms-Inseln und schließlich des Wilhelmsteiner Feldes markieren Eckpunkte dieser Politik. Wilhelm, während des 7jährigen Krieges für die Alliierten in Deutschland und Portugal kämpfend, zog es trotz guter Angebote aus Portugal vor, in sein Land zurückzukehren. Neben dem Ausbau der militärischen Anlagen widmete er sich vorrangig innenpolitischen Maßnahmen, führte eine Statistik ein, versuchte die Schulbildung zu verbessern, förderte Handwerk und Landwirtschaft, letztere vor allem mit Dienstabstellungen6sowie der Einführung neuer Feldfrüchte u.a.m., und begann eine Reorganisierung der Verwaltung. Gerade in diesem Bereich zeigten sich jedoch die Grenzen des Kleinstaates. Die Verwaltungsstruktur war mit dem Nebeneinander und den ungeklärten Kompetenzen von Rentkammer und Justizkanzlei-Regierung schwerfällig und ineffektiv. Eine eindeutige Trennung der Behörden gelang nicht, es kam lediglich zur Etablierung neuer Mittelbehörden (Polizeikommission, Medizinalkollegium u.a.). Ebenfalls unübersichtlich blieben die Kassenverhältnisse des Landes.

Krise und neue Chance

An diesen Bedingungen änderte sich bis zur Jahrhundertwende nichts bzw. wenig. Allerdings reduzierte Wilhelms Nachfolger Philipp Ernst aus der Alverdissener Linie die militärischen Unternehmungen sofort: der Wilhelmstein behielt nur eine kleine Besatzung, das Wilhelmsteiner Feld wurde abgebaut, die Truppe ebenfalls bis auf wenige Mann entlassen. Trotzdem geriet das Land unter Philipp Ernst und der nach ihm regierenden Juliane (1787-1799) in seine schwerste innenpolitische Krise. Auslöser war die schlechte finanzielle Lage des Landes und die seit Jahren aufgeschobenen Wegebauarbeiten. Die auf Drängen der beiden Nachbarstaaten Hannover und Preußen schließlich durchgeführten Arbeiten mußten durch eine deutliche Steuererhöhung finanziert werden. Dagegen baute sich ein breiter ländlicher Widerstand auf, der sich auf die Hagenhufendörfer im Norden konzentrierte und von der bäuerlichen Bevölkerungsschicht getragen wurde.9 Die Auseinandersetzungen gewannen noch dadurch an Schärfe, daß Philipp Ernst sich jeglichen Verständigungsbemühungen widersetzte. Eine sich nach seinem Tod unter seiner Witwe, Fürstin Juliane, anbahnende Einigung scheiterte jedoch ebenfalls. Diesmal waren es die Bauern, welche eine erfolgreiche Beilegung des Konflikts verhinderten. Der daraufhin eskalierende Konflikt endete im sogenannten „Kuckshäger Krieg“, als aus den Nachbardörfern zusammengekommene Bauern die gewaltsame Pfändung eines Hofes verhinderten. Am Ende stand die Niederschlagung des Aufstandes, aber auch eine Vergleichsurkunde10, die die Untertanen zumindest vor den drückendsten Belastungen schützte und ihnen den Schutz aller angestammten Rechte zusicherte.

Die hessischen Ansprüche an Schaumburg-Lippe sollten 1787 nach dem Tod Philipp Ernsts mit Gewalt durchgesetzt werden, aber nicht zuletzt aufgrund der Interventionen von Hannover und Preußen mußte man sich wieder zurückziehen.12 Die auf dem Wilhelmstein tatsächlich ausharrende Besatzung dürfte dagegen kaum eine Rolle gespielt haben. Es blieb also bei einer kurzen Besatzungsepisode, aber dabei mußten die hessischen Beamten feststellen, daß die schaumburg-lippische Verwaltung keineswegs den damaligen Ansprüchen zu genügen vermochte. Eine grundlegende Reform der Verwaltung war zwingend notwendig, unterblieb aber weiterhin.

Die sich anschließende Regierungszeit der Fürstin Juliane (bis 1799) und dann des Vormundes für den unmündigen Thronfolger Georg Wilhelm, des Grafen v. Wallmoden-Gimborn, endete 1807. Georg Wilhelm konnte in diesem Jahr nicht nur die Regierung übernehmen, sondern zugleich den Titel eines Fürsten führen. Gleichzeitig konnte das Land dank der Aufnahme in den Rheinbund seine innenpolitische Selbständigkeit wahren. Trotzdem waren Reformen entsprechend den französischen Vorgaben unumgänglich: 1810 wurde die Leibeigenschaft aufgehoben; alle grundherrlichen Dienste und Abgaben sowie die Zehnten blieben jedoch bestehen. 1812 wurde eine Steuerreform realisiert, in deren Zusammenhang nicht nur eine Einkommenssteuer eingeführt, sondern der bislang befreite Grundbesitz des Adels und die landesherrlichen Domänen ebenfalls der Grundsteuer unterworfen wurden. Damit wurde gleichzeitig die Kasse der Landesregierung die zentrale Landeskasse, während die Kammerkasse keine öffentlichen Aufgaben mehr finanzierte. Treibende Kraft hinter diesen Maßnahmen war Regierungsrat Berg. Er war es auch, der 1815 die Einberufung von Landständen durchsetzte.

Schaumburg-Lippe unter Fürst Georg Wilhelm

Doch damit endet diese Phase zwar nicht ausreichender, aber zukunftsträchtiger Reformen. Nach Bergs Weggang reduzierte der seit 1807 regierende Fürst Georg Wilhelm, bis dahin durchaus reformfreundlich eingestellt, jede gesetzgeberische Initiative auf das absolute Minimum. Die seit 1816 tagenden Landstände unterstützten ihn dabei nach Kräften: Die adeligen Mitglieder setzten 1818 durch, daß die Steuerreform zurückgenommen wurde.17 Das Land verlor seine Einnahmen, die Kammerkasse wurde wieder zentrale Kasse des Landes; die von den Ständen kontrollierte Landeskasse war aufgrund ihres geringen Volumens von ca. 3000 Rtlr. bedeutungslos. Das Budgetrecht hatte der Landtag zwar nicht formal, aber praktisch aufgegeben. Der Landesherr regierte fast in absolutistischer Weise weiter.[1]

Damit stellte sich Schaumburg-Lippe seit etwa 1820 trotz einer partiellen Modernisierung (Aufhebung der Leibeigenschaft, Einrichtung von Landständen) weiterhin als ein absolutistischen Verhältnissen angepaßter Kleinstaat dar. Es wirkte weiterhin eher als die große Domäne des Landesherrn denn ein eigener Staat. Dieser Eindruck wurde noch dadurch bestärkt, daß Fürst Georg Wilhelm sich zwar in patriarchalischer Weise für sein Land einsetzte, aber weitergehenden Partizipationsbestrebungen widersetzte.

Damit waren die Reformansätze der napoleonischen Zeit um 1820 weitgehend gescheitert bzw. wirkungslos geworden. Die Einflußmöglichkeiten des Landtags wurden neben dem Verzicht auf das Budgetrecht noch dadurch geschmälert, daß die Deputierten praktisch auf Lebenszeit gewählt waren, feste jährliche Sitzungen nicht stattfanden und die Kompetenzen unklar blieben. Im Vergleich dazu war die Teilnahme bäuerlicher Vertreter zwar ein Vorteil, konnte aber die Wirkungslosigkeit der Landesvertretung lange Zeit nicht beenden. Die gesetzlich nicht vorgeschriebene periodische Einberufung des Landtags hatte zur Folge, daß während der gesamten 20er Jahre keine Sitzungen mehr stattfanden. Entscheidungen wurden nur noch schriftlich im Umlaufverfahren getroffen. Erst die allgemeine Unruhesituation Ende 1830 brachte die Entwicklung in Schaumburg-Lippe wieder in Bewegung. Der Anstoß kam aus der Residenzstadt Bückeburg. Die Vorbereitung der ersten Landtagssitzung seit 1820 (!) dauerte aber geraume Zeit, da inzwischen Neuwahlen notwendig geworden waren. Dies nutzte besonders die bäuerliche Bevölkerung aus, die in der vorbereitenden Zeit ihre Positionen klärte und gleichzeitig einzelnen Personen die Möglichkeit der Selbstdarstellung gab. Gewählt wurden dann im Frühjahr 1831 bäuerliche Deputierte, die einen eindeutig formulierten Wählerwillen vertraten. Innerhalb kurzer Zeit überschwemmten diese Landtagsabgeordneten die Regierung mit Anträgen zu fast allen wichtigen Fragen des Landes. Zwei davon verdienen besonderes Interesse: der nach einer Aufhebung der weiter bestehenden feudalen Lasten (Ablösungen) und der nach einer Verfassung. Das waren sicher keine eigenständigen Forderungen, sondern sie formulierten lediglich Anträge, wie sie aus anderen Staaten inzwischen bekannt waren. Die kurhessische Verfassung von 1831 dürfte dabei Vorbild gewesen sein. Doch es fehlte den landständischen Anträgen an Durchschlagskraft. Die Forderungen wurden von der ländlichen Bevölkerung vorgetragen, während die städtischen und adligen Deputierten eher retardierend wirkten. Am Ende gelang es der Regierung, die Anträge entweder abzulehnen oder auf lange Sicht zu verzögern. Dies betrifft vor allem die Ablösungsanträge, die erst 1845 zu einer gesetzlichen Regelung führten. Der Wunsch nach einer Verfassung war sogar schon im Landtag gescheitert, wo die bürgerlichen Abgeordneten sich einer solchen Forderung verweigerten.

Partielle Modernisierung

Es folgten, aus landständischer, speziell bäuerlicher Sicht, qualvolle Jahre, in denen mühselig um geringe Fortschritte bei der Ablösungsgesetzgebung gerungen wurde. Immerhin blieben diesmal, im Gegensatz zu den 20er Jahren, die Landstände aktiv, wenngleich sich deren Aktivitäten seit der Mitte der 40er Jahre immer weiter reduzierten. Ohne den, zuweilen wohl unglücklichen, Einsatz des bäuerlichen Deputierten Schöttelndreyer wäre davon aber noch weniger übrig geblieben. Entscheidende innen- wie außenpolitischen Situationen konnten dagegen von den Landständen kaum beeinflußt werden. Dies galt sowohl für den Anschluß an den hannoverschen Steuerverein Mitte der 30er Jahre als auch für den Eisenbahnbau 10 Jahre später. Die wirtschaftliche wie soziale Basis des Landtags erwies sich dabei einfach als zu schmal.

Immerhin wurden mit dem Steuervereinsanschluß - lange genug hinausgezögert - und dem Bahnbau Weichenstellungen getroffen, die die weitere Entwicklung des Landes entscheidend mitbestimmen sollten. In beiden Fällen ist aber die zurückhaltende20 Einstellung von Regierung und Fürst kennzeichnend: erst, wenn man keine andere Wahl mehr hatte, entschloß man sich zu Schritten. Rücksichtnahme der potenten Nachbarn auf schaumburg-lippische Interessen erfolgte nur, soweit dies unumgänglich war bzw. den eigenen, hannoverschen wie preußischen Interessen entsprach. Eigenständige Entwicklungsansätze lassen sich weder bei der allgemeinen Verfassungs- und Verwaltungsentwicklung noch bei der Wirtschaftspolitik feststellen. Sie dürften auch außerhalb des Wirkungsbereiches eines Kleinstaates wie Schaumburg-Lippe gelegen haben. Diese Situation setzte sich in den beiden Revolutionsjahren 1848/49 fort. Zwar stimmte Fürst Georg Wilhelm den ersten Forderungen der Bevölkerung zu, Aufhebung des Heimfallsrechts, Einberufung eines neu gewählten Landtags u.a.m., aber in der Folgezeit verzögerten sich die notwendigen Reformen wieder. Der im Frühjahr 1848 nach einem neuen Wahlrecht, welches die engen ständischen Schranken überwand, gewählte Landtag stärkte dabei das bürgerliche Element, da nun auch aus den Landgemeinden nichtbäuerliche Abgeordnete gewählt werden durften. Aber einige der wesentlichen Forderungen dieses Landtags konnten nicht realisiert werden (eine um die Dienste erweiterte und günstigere Ablösungssätze aufweisende Ablösungsordnung, der Erlaß einer Verfassung und schließlich die Einrichtung einer Zivilliste für den Landesherrn, was die längst überfällige Trennung der landesherrlichen Privatkasse [Kammerkasse] von der Landeskasse bedeutet hätte). Dabei fehlte es nicht an Druck aus der Bevölkerung; vorrangig seitens der Landgemeinden gab es immer wieder Versuche, eigene Gesetzesvorschläge zu formulieren. Im Laufe der beiden Jahre 1848/49 wurden sogar die organisatorischen Grundlagen deutlich verbessert: aus den Volksversammlungen des Jahres 1848 wurden im folgenden Jahr, wohl auch unter dem Eindruck der weiter verschleppten Reformen, nun Volksvereine.

Innerhalb der schaumburg-lippischen Verwaltung erwies sich Regierungsrat Kapaun-Karlowa den reformfreundlichen Ansätzen gegenüber sehr aufgeschlossen, doch stand er damit weitgehend allein. Es gab mithin eine relativ breite Basis für eine Modernisierung des kleinen Staatswesens: ausgeprägter in der Bevölkerung, hier vorrangig der ländlichen Bevölkerung, und im Landtag, bedingt in der Verwaltungsspitze bestand Übereinstimmung zu wesentlichen Grundfragen der weiteren politischen Entwicklung des Landes. Zum Schluß soll ein Blick auf die finanziellen Verhältnisse Schaumburg-Lippes die Einnahmen- und Ausgabenstruktur beleuchten. Als Grundlage dient dafür die Kammerrechnung von 1855. Die Rechnung zeigt die günstigen finanziellen Verhältnisse des Landes in der Mitte des Jahrhunderts.

Deutlich wird, daß vor allem der Betrieb der Eisenbahn Minden-Hannover (seit 1847) und der Steinkohlenbergwerke den Hauptposten der Einnahmen des Inlandes ausmachten, während die Domanialeinnahmen bedeutend geringer ausfielen. Es waren also gerade die mit der Industrialisierung verbundenen Einnahmequellen, die die finanziellen Verhältnisse des Landes sicherten, während im Vergleich dazu selbst die Einkünfte aus den mecklenburgischen Gütern relativ gering ausfielen; sie waren in erster Linie Anlageobjekte. Steinkohlenabsatz und Einnahmen aus der Eisenbahn standen zudem Mitte der 50er Jahre in direktem Zusammenhang.

Für die hessische Grafschaft Schaumburg liegen von 1838 Angaben über die Staatseinnahmen und Ausgaben vor. Sie verdeutlichen den hohen finanziellen Nutzen, den die Grafschaft für das Stammland besaß; nahezu die Hälfte der Einnahmen verblieb nicht im Land. Damit wird angedeutet, daß die hessische Grafschaft Schaumburg hinsichtlich ihrer wirtschaftlichen Entwicklungsmöglichkeiten von anderen Rahmenbedingungen als das benachbarte Fürstentum beeinflußt wurde.

Grafschaft Schaumburg

Die seit 1647 zu Hessen gehörende Grafschaft Schaumburg und seit 1821 als Landkreis organisierte Einheit war mit einer Fläche von 440 km² nur wenig größer als Schaumburg-Lippe und hatte mit einer Bevölkerung von ca. 31.000 Menschen 1825 etwas mehr Einwohner als Schaumburg-Lippe.

Die Entwicklung der hessischen Grafschaft Schaumburg nahm im 18. und 19. Jahrhundert einen gänzlich anderen Verlauf als die Schaumburg-Lippes. Besonders unvollständig ist, darauf sei noch einmal verwiesen, die Forschungslage. Immerhin zeigen die vorhandenen Darstellungen, daß die Grafschaft durchaus das Engagement der hessischen Landgrafen im 17. und 18. Jahrhundert herausforderte: sie war sicher kein vergessenes Nebenland, jedoch zeigte sich im 19. Jahrhundert zunehmend die Bedeutungslosigkeit des Landes aus Regierungssicht. Rinteln wurde zielstrebig als Universitätsstadt, Regierungssitz (seit 1751) und Festung ausgebaut. Die Folgen für die Stadt waren widersprüchlich: die neuen (Regierungssitz) bzw. nach der Teilung (Universität) beibehaltenen Funktionen sorgten dafür, daß die Entwicklung der Stadt sich deutlich von der der anderen Landstädte der Grafschaft abhob. Hinzu kam der Ausbau zur Festung: sozial dominierte damit das Militär (zeitweise bis zu 450 Mann), während die Siedlung durch die Festungsanlagen in ihrer weiteren Entwicklung stark eingeschränkt wurde. Die Universität konnte zwar im 18. Jahrhundert nach und nach die Studentenzahlen erhöhen (etwa 120 jährlich), aber die Möglichkeiten einer grundlegenden Reform und Modernisierung wurden von Kassel nicht genutzt. Auch die Präsenz der hessischen Verwaltung mit einem Kanzlei-Direktor, zwei Kanzleiräten, einem Legationsrat und einem Konsistorialrat sowie Assessor, Sekretär und Registrator, Kanzlist, Boten und Pedellen - bescheiden im Vergleich zur schaumburg-lippischen Verwaltung - engte den Spielraum der Stadt erheblich ein.

Für Hessen war die Grafschaft ein wichtiger Posten zur Kontrolle weiteren Streubesitzes an der unteren Weser; zugleich bestanden bis 1787 Hoffnungen auf die Einziehung des schaumburg-lippischen Lehens. Neben Rinteln erfuhren auch die anderen Städte des Landes Förderung. Sachsenhagen erhielt 1650 Stadtrechte, blieb aber in seiner Entwicklung weiter gehemmt und konnte den Fleckencharakter nie ablegen; in Rodenberg wurden Saline und Gesundbrunnen gefördert, seit 1787 wurde das Bad Nenndorf ausgebaut, nachdem schon zuvor die bei Rodenberg vorhandenen Schwefelquellen genutzt worden waren. In Bernsen, Exten und Rolfshagen wurden Eisenhämmer angelegt. Neue ländliche Kolonien entstanden südlich Rintelns (Hessendorf, Friedrichsburg, Friedrichswald und Friedrichshöhe; Wiederaufbau von Möllenbeck nach 17777); im Norden des Kreises wurden Idensermoor und Niengraben gegründet. Ansätze zur Modernisierung der Landwirtschaft gab es ebenfalls: Kleeanbau und Kartoffelanpflanzung wurden ebenso propagiert wie die Intensivierung der Viehwirtschaft. 1774 gelang sogar die Veröffentlichung einer Meierordnung, wozu es in Schaumburg-Lippe nie gekommen war.

Faßt man diese, bislang nur grob skizzierten Entwicklungen zusammen, so dürften die Unterschiede zwischen Schaumburg-Lippe und der Grafschaft im 18. Jahrhundert eher rudimentär gewesen sein. Seit Anfang des 19. Jahrhunderts erhielt die Entwicklung eine neue Richtung. Unter französisch-westfälischer Herrschaft wurde die Grafschaft verwaltungsmäßig aufgeteilt: ab 1810 gehörten die südlichen Teile zusammen mit ehemals mindischen Gebieten rechts der Weser sowie hannoverschen und braunschweigischen Gebieten bis Holzminden zum Distrikt Rinteln, während der nordöstliche Teil zum Distrikt Hannover gelegt wurde. Die Festungswerke wurden geschleift, die Universität geschlossen. Dabei blieb es auch nach 1815. Zudem hatte Hessen seine kleineren Streubesitzungen an der unteren Weser verloren; die Hoffnung auf die Übernahme Schaumburg-Lippes war seit 1787 illusorisch. Es scheint, als ob damit in Kassel das Interesse an Schaumburg deutlich zurückging. Jedenfalls setzte jetzt eine Phase wirtschaftlicher Stagnation und politischer Neuorientierung ein.

Im Gegensatz zu den schaumburg-lippischen existierten die schaumburgischen Landstände im 18. Jahrhundert weiter. Sie setzten sich aus den Prälaten (Kloster Möllenbeck, Stifte Fischbeck und Obernkirchen), der Ritterschaft und Vertretern der Städte zusammen. Der Deputierte der Ritterschaft vertrat dabei in der Regel die Stifte.9 Hier kam es also nicht, wie in Schaumburg-Lippe, zur Durchsetzung eines kleinstaatlichen Absolutismus.10 Die Stellung der Landstände war zudem in der Grafschaft deshalb ausgeprägter, weil das adelige Element stärker vertreten war. Hierin spiegelte sich auch eine komplexere und ältere Siedlungsgeschichte im Vergleich zu Schaumburg-Lippe wider. Die Bedeutung der Landstände wurde noch dadurch erhöht, daß die Grafschaft weiterhin ein selbständiges Territorium mit eigener Verwaltung in Rinteln war.

Schaumburg nach 1800

Dabei blieb es auch zunächst nach 1800. Zwar bedeutete die französisch-westfälische Zeit einen erheblichen Eingriff in die Selbstverwaltung des Landes, noch dadurch verstärkt, daß die Verwaltungsgliederung auf das alte Territorium keine Rücksicht nahm11, doch 1814 wurden die alten Strukturen wiederhergestellt. Am 9.3.1815 wurde, auf Ansuchen der schaumburgischen Stände und im Anschluß an die Einberufung des hessischen Landtags, ein Landtag einberufen. Seine Hauptaufgabe sollte die Finanzierung eines Armee-Korps gegen Napoleon sein. Eingeladen wurden diesmal neben den alten Ständen auch Vertreter des flachen Landes. Der am 15.4. in Rinteln zusammengetretene Landtag war bald von Spannungen mit dem Landesherrn begleitet. Während aus hessischer Sicht den Ständen in Schaumburg seit den territorialen Veränderungen im Norden keine große Bedeutung mehr zukam15 und der Kurfürst, der ohnehin nur auf Drängen aus Schaumburg eine Einberufung vorgenommen hatte, nun lediglich eine Zusage für die Übernahme der Kriegskosten erwartete, gingen die Erwartungen der Schaumburger in eine völlig andere Richtung. Der Versuch des Kurfürsten, schon nach wenigen Wochen den Landtag zu schließen, wurde verhindert.

In Rinteln beharrte man auf dem Anspruch, ein selbständiges Territorium zu sein, welches lediglich den gleichen Landesherrn wie Hessen habe, „denn die Grafschaft ist nicht Hessen incorporiert; sie wird von dem Kurfürst von Hessen als Grafen von Schaumburg regiert; die zufällige Einheit der Person des Regenten kann die verschiedenen Staaten zur Theilnahme an eines Jeden besondern Lasten nicht verpflichten“. Diese Betonung der eigenständigen Rolle der Grafschaft war mit der Aussage verbunden, der Landesherr habe bei seiner Forderung nach einer finanziellen Beteiligung für den Krieg gegen Frankreich zu berücksichtigen, daß für ihn mehr auf dem Spiel gestanden habe als für die Untertanen: „Für den Landesherrn habe Alles - Besitzungen und Capitale auf dem Spiel gestanden...“ Die Verhandlungen verschärften sich in der Folgezeit noch weiter. In Rinteln war man verärgert über die „dilatorische“ Behandlung der eigenen Forderungen. Nachdem 1816 eine gemeinsame Kommission eingesetzt worden war, um die Klagen der schaumburgischen Stände zu untersuchen, kam am 17.4.1817 ein Landtagsabschied zustande. In dessen Mittelpunkt stand die Tilgung der Schulden der Grafschaft. Die z.T. heftigen Auseinandersetzungen zwischen Ständen und Landesherrn zeugen von einem ausgeprägten Selbstbewußtsein der Untertanen, wenngleich nicht zu verkennen ist, daß über die Wahrung des bisherigen Status hinausgehende Positionen nicht angestrebt wurden. Dies gilt vornehmlich für den agrarischen Sektor, hier unterblieben Forderungen nach Reformen völlig - ganz im Gegensatz zu Kassel.

Hatte man 1815 noch vehement den eigenstaatlichen Charakter der Grafschaft betont, so wurde dieser Anspruch sechs Jahre später zu Makulatur. Das kurhessische Organisationsedikt vom 29.6.1821 beendete die formale Selbständigkeit der Grafschaft. Es brachte die längst fällige Reform der staatlichen Verwaltung. An die Stelle der die alten territorialen Verhältnisse konservierenden Gliederung trat eine neue vereinheitlichte. Gleichzeitig wurden Justiz und Verwaltung getrennt. Das gesamte Kurfürstentum wurde in vier Provinzen (Niederhessen mit Schaumburg, Oberhessen, Fulda und Hanau) mit jeweils mehreren Kreisen (Niederhessen 10) aufgeteilt. Entsprechend dieser territorialen Gliederung wurde die Staatsverwaltung organisiert. An der Spitze stand das Staatsministerium mit den zugeordneten Ministerien, dann folgten Provinzialregierungen als Mittelbehörden mit weitreichenden Kompetenzen und schließlich die Kreisräte. Das Finanzministerium übernahm die gesamte Finanzverwaltung des Landes, einschließlich die der Rentkammer. Es wurde ein zentrales Justizministerium in Kassel eingerichtet, dort arbeitete auch das Oberappellationsgericht; Obergerichte gab es in mehreren Städten, auch in Rinteln. Zusammen mit der Neuordnung der Verwaltung wurden ein Handels- und Gewerbeverein sowie ein Landwirtschaftsverein eingerichtet. Das Edikt enthielt eine Reihe zukunftsweisender Elemente, es führte zu einer stärkeren rationalen Gliederung der Verwaltung, war aber im Detail noch nicht konsequent genug. Eine konstitutionelle Absicherung fehlte völlig.

Wie problematisch dieses Verwaltungssystem im Detail sein konnte, zeigt die Grafschaft Schaumburg. Diese wurde als Kreis in die Provinz Niederhessen eingegliedert. Dem stand zwar ein Landrat vor, aber er wurde in seiner Funktion durch eine Regierungsdeputation als Ableger der Provinzialverwaltung ergänzt. Diese Konstruktion erwies sich in der Praxis nicht nur als schwerfällig, sondern auch als störanfällig: Anfragen aus der Provinzialregierung wurden von der Regierungsdeputation an den Kreisrat weitergeleitet; wurde noch einer der beiden Vereine (Handels- und Gewerbeverein oder Landwirtschaftsverein), ein Ministerium und am Ende gar das Staatsministerium eingeschaltet, durchlief ein normaler Verwaltungsvorgang vier, fünf, ja sechs Stationen. Kein Wunder, wenn dabei zuweilen Akten regelrecht verloren gingen. Mit der Unterordnung des neuen Kreises Schaumburg unter die Provinz Niederhessen wurden die bisherige amtsfreie Stadt Rinteln und die fünf Ämter Schaumburg, Rodenberg, Sachsenhagen, Obernkirchen und Oldendorf aufgehoben und alle dem neuen Kreis Schaumburg zugeschlagen. Zusätzlich wurden vier Justizämter eingerichtet (Rinteln, Oldendorf, Obernkirchen, Rodenberg).

Vormärz und Revolution

Zehn Jahr später verlor Schaumburg mit der Verfassungsreform von 1831 die eigenen Landstände. Immerhin sah die Verfassungsurkunde vom 5. Januar 1831 die Bildung von Bezirksräten vor „für die Berathung und Vorbereitung von Verwaltungs-Maßregeln, welche nur das Beste eines einzelnen Bezirkes zum Gegenstand haben“. Die schaumburgischen Deputierten hatten - in der richtigen Annahme, daß die Bildung dieser Bezirksräte noch einige Zeit in Anspruch nehmen würde -, verlangt, daß bis dahin die alten Landstände weiter bestehen sollten.29 Zur Einrichtung von Bezirksräten kam es tatsächlich zunächst nicht. Die Versuche der schaumburgischen Deputierten, im Rahmen der Diskussionen über die Aufhebung des Meierrechts eine Einführung der Bezirksräte zu erzwingen, scheiterten gleichfalls. Erst die Revolution von 1848 brachte die lange erwartete Neuordnung. 1849 wurde der Bezirk(srat) Schaumburg gebildet. Er bestand aus 12 von Wahlmännern gewählten Mitgliedern, Bezirksdirektor wurde der amtierende Regierungsdeputierte Theodor von Heppe. Dem Bezirk wurde das neue Verwaltungsamt Schaumburg (bisher Kreis Schaumburg) zugeordnet. Versuche der Stadt Rodenberg, ein eigenes Verwaltungsamt zu erhalten, scheiterten.

Im Gegensatz zu Schaumburg-Lippe fanden die revolutionären Ereignisse der Jahre 1848/49 in der Grafschaft Schaumburg einen relativ geringen Widerhall. Dabei war die Situation Mitte der 40er Jahre wesentlich brisanter als im Nachbarterritorium: Erwerbsmangel, Erntekrise und ein schlechtes Krisenmanagement der Regierung wirkten zusammen. So ist es auch nicht erstaunlich, wenn im März 1848 vor allem in den Kleinstädten Rodenberg und Oldendorf der Unmut offen ausbrach.

In Oldendorf war der dortige Bürgermeister das Ziel des dörflichen Hasses, er wurde zum Rücktritt gezwungen. Einen „Umzug“, also eine „Katzenmusik“, hatte es in Möllenbeck beim Domänenpächter, dem Förster und dem Lehrer gegeben. Gegen das „schriftliche Versprechen um Abhülfe mancher geringfügiger Beschwerden“ hatten sich die Dorfbewohner beruhigen lassen. Bedrohlicher wirkten die Nachrichten, die am 20. März aus Rodenberg kamen. Dort war in den Tagen zuvor „von Grover Gesindel bedeutender Unfug getrieben worden“. Am 22. sollten, Gerüchten zufolge, die Bewohner der umliegenden Dörfer nach Rodenberg kommen. Landrat Stiernberg, der auf diese Nachrichten hin sofort nach Rodenberg eilte, beklagte, daß sich „noch nicht ein einziger Bürger“ zum Schutz der vom „schlechtesten Pöbel aus Grove“ bedrohten Beamten bereit gefunden hätte. Im Mittelpunkt der Angriffe aus der Bevölkerung standen die Rentereibeamten und der Domänenpächter. „Auch waren Excesse am Zollhause verübt und Drohungen gegen die Salinen und wegen der hohen Salzpreise ausgestoßen“, viele Beschwerden hatte es über den Rodenberger Bürgermeister gegeben. „Große Pünctlichkeit und das strenge Benehmen“ des Rentbeamten Keyser hatten nach Ansicht des Landrates zu dessen schlechtem Ansehen in Rodenberg geführt; der Beamte selbst nannte als Hauptgrund die von ihm auf Anordnung des Obersteuerkollegiums vorgenommene Eintreibung der seit 34 Jahren ausstehenden Grundsteuer in den schaumburg-lippischen Dörfern Kobbensen und Lindhorst.

Jedenfalls konnte durch das Eingreifen des Landrats, der den Rentereibeamten zur Abreise, die Bürgermeister von Rodenberg und Nenndorf (der auch für Grove zuständig war) zur Niederlegung ihrer Ämter bewog und schließlich Schutzwachen aufstellen ließ, weiteres Unheil verhindert werden. Zwar ließ sich eine größere Menge noch vom Domänenpächter mit Bier und Schnaps versorgen, aber damit war keine akute Bedrohung für Staatsbeamte verbunden. Am folgenden Tag wurde zudem die geplante Brandstiftung der Rodenberger Domäne rechtzeitig verraten. „Vier Unruhestifter“ aus Grove wurden nach Rinteln ins Gefängnis gebracht. Neben diesen kleinstädtischen, aus der allgemeinen Notlage vor allem kleinbürgerlicher Schichten gespeisten Exzessen, kam es in den Dörfern, abgesehen von einer gemeinsamen beschwerdeschrift über die grundherrlichen Verhältnisse, vor allem zu Forstvergehen. Hier entlud sich langangestauter Zorn über das Verhalten der Forstverwaltung; es waren keine Aktionen besonderer dörflicher Schichten, sondern die gesamte Dorfbevölkerung war an ihnen beteiligt.

In Rinteln blieb es dagegen ruhig. Politische Vereine gab es nicht in der Weserstadt. Erst im Mai erscholl auch hier der Ruf „Es lebe die Republik!“, ein Freiheitsbaum wurde errichtet, die „Rädelsführer“ aber bald festgenommen.44 Ab Mai 1848 beruhigte sich die Situation aber zunehmend, für weitergehende politische Aktionen fehlen jegliche Hinweise.

Literatur

Dieser Text basiert auf der Einleitung von Schneider, Karl H., Schaumburg in der Industrialisierung. Teil 1. Vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Reichsgründung. (Schaumburger Studien 52) Melle 1994. Dort finden sich auch alle Verweise!

Als wichtige neuere Veröffentlichung: Meyer, Stefan, Georg Wilhelm Fürst zu Schaumburg-Lippe (1784-1860): absolutistischer Monarch und Großunternehmer an der Schwelle zum Industriezeitalter. Diss. Hannover 2005. <http://edok01.tib.uni-hannover.de/edoks/e01dh05/496692453.pdfurn:nbn:de:gbv:089-4966924536 http://edok01.tib.uni-hannover.de/edoks/e01dh05/496692453l.pdf>. Erscheint 2006 auch als selbständige Veröffentlichung.

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