Schaumburg 1900

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Inhaltsverzeichnis

„Zeitenwende“: Schaumburg um 1900

Karl H. Schneider

Carl Wehling

Im Januar 1901 legte der damals 18-jährige Bergmann Carl Wehling aus Stemmen ein neues Sparbuch an, vermutlich sein erstes. Er zahlte 60 Mark ein. Wehling war gerade erst im Bergbau angenommen worden, hatte bis dahin als Korbmacher gearbeitet. Innerhalb eines Jahres konnte er sein Konto immerhin auf 103,17 Mark samt Zinsen aufstocken, Ende 1902 waren es schon 258,59 Mark. Was ist an diesen Zahlen so Besonderes? Sie zeigen, daß ein junger Bergmann um die Wende zum 20. Jahrhundert innerhalb kurzer Zeit ein für damalige Verhältnisse beträchtliches Sparvermögen anlegen konnte. Noch dreißig Jahre vorher, Anfang der 1870er Jahre, wäre so etwas unvorstellbar gewesen. Bergleute verdienten gerade einmal so viel, um mit Mühe überleben zu können. 1874 hatten deshalb die Schaumburger Bergleute gestreikt, und selbst Unterstützung beim Rintelner Landrat erfahren, der betonte, daß ein Bergmann nicht mehr als ein Tagelöhner und weniger als ein Eisenbahnarbeiter verdienen würde, aber unter wesentlich härteren Bedingungen zu arbeiten habe: „Ein Mann aber, welcher mehr als den 3ten Theil seiner Zeit unter der Erde in schwierigster Lage zubringen, täglich Leben und Gesundheit riskieren muß und meist schon in seinen besten Jahren dem heftigsten Rheumatismus verfallen ist, muß m.E. mehr verdienen als ein gemeiner Tagelöhner.“

Bergbau

Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelten sich die Schaumburger Bergleute allmählich zu dem, was sie im 20. Jahrhunderts in der kollektiven Erinnerung der Schaumburger Bevölkerung darstellten: trotz aller Härte des Berufs privilegierte Arbeiter, die nicht nur überdurchschnittlich verdienten, sondern auch sozial besser abgesichert waren als andere Arbeitergruppen. Der Bergbau bildete gewissermaßen das ökonomische Rückgrat der Region. Um 1900 erlebte er seinen Höhepunkt. Kurz nachdem Bergmann Wehling sein erstes Sparbuch angelegt hatte, wurde der Betrieb auf dem modernen Georgschacht bei Stadthagen aufgenommen, ein die damaligen Zeitgenossen beeindruckendes Werk. Wilhelm Wiegmann, Lehrer in Nienstädt und Autor der populären Schaumburg-Lippischen Heimatkunde schrieb über dies Werk:

„Hier werden die Kohlen, nachdem sie von den verschiedenen höheren Schachtpunkten mittels Bremse unterirdisch hergeleitet sind, zu Tage gefördert und sogleich wieder verarbeitet. Die Anlage wird aber nicht nur für die jetzige Sohle genügen, sondern auch für neuere Sohlen ausreichen, deren Produkte künftig durch elektrische Kraft gehoben und gefördert werden. Die Verwendung von Elektrizität kommt bei dieser Anlage überhaupt zur vollen Wirksamkeit. Sie wird durch Umwandlung der Kohle gewonnen und dient zum Antrieb der Maschinen. Nach den einzelnen Betriebspunkten läßt sie sich leicht hinleiten. Ein weiterer Vorzug ist, daß die Kesselheizung lokalisiert, die Beaufsichtigung daher eine weit einfachere wie vordem ist. Die Verkokungsanlagen sind so eingerichtet, daß die Gase aufgefangen und zur Gewinnung von Nebenprodukten verwerthet werden. Dadurch erreicht man nicht nur einen Vortheil von einigen hunderttausend Mark, die auf dem alten Werke in die Luft gingen, sondern auch noch den Fortfall des bisherigen ganz bedeutenden Flurschadens.“

Die 15 ha große Anlage beeindruckte die Zeitgenossen, wobei neben der reinen Größe die umfassende Verwendung von Elektrizität für Bewunderung sorgte. Wiegmann betrachtete in seiner Heimatkunde 1912 noch einmal die alte Kokerei in Osterholz, ehe er mit Blick auf den Georgschacht fortfuhr: „Dagegen leuchtet das neue Kokswerk, der Georgschacht, mit seinen strahlenden elektrischen Flammen in feenhafter Schönheit weit in die Lande. So kann man z.B. vom Rehburger Berge aus jeden Abend das Flammenmeer beobachten.“

Die mit dem Georgschacht verbundenen Vorteile waren dagegen handfester Natur. Die modernisierte und leistungsfähigere Kokerei sicherte einen geregelten Absatz, die Nebenprodukte erhöhten die finanzielle Ausbeute und glichen damit die Wettbewerbsnachteile aufgrund der ungünstigen Lagerstätten aus. Durch den Georgschacht wurde die Koksherstellung, die seit den 1870er Jahren zurückgegangen war, wieder deutlich erhöht. 1897 wurden auf Osterholz bei einer Gesamtförderung von 280.000 t lediglich 30.179 t verkokt (=10,78 %), 1910 waren es dagegen bei einer auf 386.000 t gestiegenen Gesamtförderung 140.000 t (=36,3 %), außerdem wurden 2.252 t Teer und 918 t Ammoniak-Sulfat produziert. Nicht so sehr eine Steigerung der Förderzahlen, sondern die Weiterverarbeitung der gewonnenen Kohle bildete den entscheidenden Fortschritt des Georgschachtes. Parallel zum Georgschacht wurde bei Obernkirchen der Liethstolln ausgebaut, wobei ebenfalls neben einem neuen Stollen die Weiterverarbeitung der gewonnenen Kohle stattfand. Da die Magerkohle der Bückeberge sich nicht zur Verkokung eignete, wurden hier eine Brikettfabrik angelegt und eine Ziegelei errichtet.

Moderne Zeiten also in Schaumburg, in der Region begann nun etwas, was auch in den urbanen Zentren und den großen Industrierevieren ebenfalls zum neuen Alltag gehörte: der Einsatz von Elektrizität und die zunehmende Automatisierung von Arbeitsvorgängen. Wie am Beispiel des Bergmanns Wehlings zu sehen, erwies sich dies auch für die Arbeiter als Vorteil, verdienten sie doch deutlich mehr als ihre Väter und Großväter. Aber: „Wat dem einen sin Uhl, is dem andern sin Nachtigall“. Und diese alte „Weisheit“ traf auch auf die Schaumburger Arbeiterschaft zu. Denn nicht allen ging es dank Modernisierung und Automatisierung so gut wie den Bergleuten.

Glashütten und Streik

Es war die andere große und selbstbewußte Arbeitergruppe in Schaumburg, die in diesen Jahren erhebliche Veränderungen zu ihren Ungunsten erleben mußte, die der Glasmacher. Die Geschichte der Glasmacherei begann in Schaumburg im Jahre 1799; zwar gab es wohl schon im 18. Jahrhundert eine Hütte in Rinteln, aber erst seit 1799 wird nahezu kontinuierlich in Schaumburg Glas hergestellt. 1799 wurde in Obernkirchen, bzw. nahe bei von dem Glasmacher Storm eine Hütte errichtet, die zwar zeitweise nicht produzierte, aber ab 1822 den Betrieb wieder aufnahm, wobei ab 1823 Friedrich August Becker und der Bremer Kaufmann Caspar Hermann Heye als Kompagnons auftraten.

Dies war zwar nicht der Beginn einer „wunderbaren“ Freundschaft (vielmehr trennten sich die beiden bald, und Becker gründete eine eigene Hütte), aber der Beginn einer bis heute existierenden Glasindustrie, die bald an zahlreichen Standorten zwischen Rinteln und Stadthagen betrieben wurde. Neben den Hütten der Firmen Heye und Stoevesandt waren es kleinere Betriebe etwa in Stadthagen, die um die Jahrhundertwende im Schaumburger Land Glas produzierten. Doch gerade diese Zeit brachte entscheidende Veränderungen, vergleichbar denen im Bergbau, nur daß die Auswirkungen für die Arbeiter weiterreichend waren. Das Glasmacherhandwerk ist ein altes Handwerk und nicht jeder ist in der Lage, in der großen Hitze des Ofens zu arbeiten. Da außerdem noch die frühen Wanderglashütten abgeschieden von den nächsten Siedlungen im Wald befanden, entwickelten sich Arbeiterdynastien mit einem ausgeprägten Selbstbewußtsein und einem hohen Stolz auf die eigene Arbeit. Das Bewußtsein, daß der Hüttenbesitzer auf die Glasmacher angewiesen war und sie nicht durch angelernte Kräfte austauschen konnte, gab ihnen auch ihm gegenüber ein hohes Maß an Selbstbewußtsein.

So hatte sich in der Glasindustrie eine Arbeiterelite der selbstbewußten und spezialisierten Glasmacher entwickelt. Allerdings duldeten auch hier die Arbeitgeber keine Organisationen der Arbeiter. Angesichts ihrer exklusiven Stellung im Betrieb wagten die Arbeiter die Auseinandersetzung, um ihr Koalitionsrecht durchzusetzen. Doch der Streik von 1900/1901 scheiterte. Mehr noch: gleichzeitig begann in dieser Zeit die Einführung von zunächst halbautomatischen Glasmaschinen, welche ab 1909 von der vollautomatischen sog. Owens-Maschine abgelöst wurde. Damit hatte in der Glasindustrie die Automatisierung der Produktion schon vor dem Ersten Weltkrieg begonnen. Zwei Folgen ergaben sich daraus: mittelfristig starb nicht nur das traditionelle Glasmacherhandwerk aus und sondern zugleich wurde die Produktion wesentlich kapitalintensiver, was zum Sterben der kleinen Glashütten führte, so daß heute nur noch zwei Hütten im Schaumburger Land überlebt haben. Noch allerdings hatte sich eine allgemeine Mechanisierung nicht durchgesetzt, blieb Handarbeit immer weiterhin wichtig.

Der Streik der Obernkirchener Glasarbeiter weist auf ein weiteres wichtiges Phänomen dieser Zeit hin, die entstehende Arbeiterbewegung in Schaumburg. Sie ist deshalb bemerkenswert, weil sich bei vielen die Vorstellung hält, daß Schaumburg eine konservative Region war. Doch der erste und einzige kommunistische Minister des Landes Niedersachsen stammt aus Obernkirchen, und das war kein Zufall und hat mit unserer Geschichte zu tun.

Arbeiterbewegung

Frühe Organisationsversuche der Arbeiter lassen sich u.a. bei den Rintelner Zigarrenmacher nachweisen, aber die wichtige Phase einer modernen Arbeiterbewegung begann erst in den späten 1880er Jahren. Wichtige Impulse gingen vor allem von zwei Gruppen aus: den Bauarbeitern und den Bergarbeitern. Die Bauarbeiter organisierten sich schon in den 1870er und dann besonders in den 1880er Jahren, die Bergleute zwar erst in den 1890er Jahren, aber dann um so bemerkenswerter, weshalb hier dieser Entwicklung besondere Aufmerksamkeit gewidmet werden soll.

Die Anfänge waren jedenfalls eher bescheiden, auch wenn schon bei frühen Versammlungen mehrere Hundert Personen anwesend sein konnten, etwa wenn der „Tabakarbeiter-Bebel“ Wilhelm Meister aus Hannover sprach. Angesichts der staatlichen Überwachung während des Sozialistengesetzes mußten die engagierten Arbeiter aber auf nicht öffentliche Treffen ausweichen: In einem Rückblick des Jahres 1910 der sozialdemokratischen „Volkswacht“ aus Bielefeld hieß es: „Die Zusammenkünfte wurden gewöhnlich so arrangiert, daß man Ausflüge machte und sich in Dorfwirtschaften als Gesangvereinsmitglieder ausgab oder man kam im Geheimen in der Wohnung eines Genossen zusammen.“

Das änderte sich nach 1890, mit der Aufhebung des Sozialistengesetzes; jetzt traten Sozialdemokraten offener in Erscheinung, durften aber weiterhin ihre Versammlungen nur in geschlossenen Sälen nach Voranmeldung und unter polizeilicher Kontrolle abhalten. Dennoch verbesserten sich jetzt die Bedingungen derart, daß mit dem Jahr 1890 im Rahmen des Reichstagswahlkampfes eine Fülle von Aktivitäten stattfanden.

So organisierte ein Rudolf Grote mit dem Maurer Rudolf Schröder aus Stadthagen in kurzer Folge fünf Volksversammlungen, die sich durch eine geschickte Versammlungsregie auszeichneten. Im Januar und Februar 1890 wurden Versammlungen in Stadthagen, Steinhude, Großenheidorn, Altenhagen, Hagenburg und Wendthagen durchgeführt; allein an der Versammlung in Steinhude nahmen ca. 300 Personen teil. In Wendthagen war der im Rahmen des Bergarbeiterstreiks von 1889 reichsweit bekannt gewordene Dortmunder Bergarbeiter Bunte dabei, welcher zuvor eine Bergarbeiterversammlung in Stadthagen geleitet hatte. Der Erfolg dieser und weiterer Versammlungen im Schaumburger Land war derart groß, daß es sogar Überlegungen gab, Bebel nach Schaumburg-Lippe kommen zu lassen. Im weiteren Verlauf des Frühjahrs 1890 gelang es, die Bergarbeiter, welche u.a. mit den niedrigen Löhnen unzufrieden waren, zu einer eigenen Organisation zu motivieren, die im Oktober 1890 als „Verband zur Wahrung und Förderung bergmännischer Interessen für den Gesammt-Bergamts Bezirk Obernkirchen“ gegründet wurde.

Als Folge dieser Aktivitäten gab es überzeugende Wahlerfolge: Mit einem Stimmenanteil von 15,37% gelang den Sozialdemokraten bei den Reichstagswahlen 1890 der Durchbruch, der vor allem hohen Werten in den Bergarbeitergemeinden zu verdanken war (Stadthagen 40,72 %, Kirchhorsten 44,93 % und Habichhorst/Blyinghausen 45,95 %). Der Erfolg war nicht auf Schaumburg-Lippe begrenzt, sondern wurde in den sozialdemokratischen Hochburgen der benachbarten Grafschaft Schaumburg sogar noch übertroffen (Rinteln 35 %, Exten 56,6%, Hohenrode 61,25%, Bernsen 61,7%, Rolfshagen 64,3%, Goldbeck 51%). Nach diesem fulminanten Anfang gingen die Aktivitäten in den weiteren 1890er Jahren etwas zurück, ehe insbesondere in Schaumburg-Lippe um 1900 ein neuer, und jetzt lang anhaltender Aufschwung zu verzeichnen war. Der erfolgreiche Neuanfang war vor allem dem aus Liekwegen stammenden Heinrich Lorenz (1870-1947) zu verdanken. Er sorgte dafür sorgte, daß die Arbeiterbewegung in Schaumburg-Lippe zu einer konstanten politischen Kraft wurde. Lorenz hatte als Glasmacher in Flensburg, Nienburg und Stadthagen gearbeitet und war seit 1889 Mitglied der Partei. 1901 erwarb seine Frau die Gaststätte „Schaumburger Hof“ in der Niedernstraße in Stadthagen und schuf damit für ihren Mann die Voraussetzung für dessen parteipolitische Aktivität, denn als Glasmacher war Lorenz eine entsprechende Tätigkeit versperrt, da er sofort entlassen worden wäre. 1899 gelang schließlich die Gründung eines Verbandes der Glasarbeiter und Arbeiterinnen, gegen den die Polizeibehörden erfolglos vorzugehen versuchten. Schon bald entwickelte der Verband eine rege Aktivität, wie die Organisation einer Maifeier am 29.4. zeigt, ein vom Verband im Juni ins Auge gefaßter Streik bei Rump & Riensch konnte beigelegt werden.

In der Grafschaft Schaumburg sah es ähnlich aus, wenngleich sich hier die Arbeiterbewegung stärker auf wenige Orte konzentrierte. Das Landratsamt in Rinteln meldete 1898, die SPD habe vor allem „unter den Glasmachern, den in den größeren Städten arbeitenden Maurern …, den Bergleuten, Cigarrenarbeitern und den Steinbrucharbeitern eine vorzüglich funktionierende Organisation, während die Gegenseite so wenig vorbereitet war, daß es nicht einmal gelang, in dem gefährdeten Teile, dem Obernkirchener Bezirke eine Versammlung zu Stande zu bringen.“ Als örtliche Schwerpunkte werden genannt: Rinteln, Obernkirchen, Oldendorf, Kathrinhagen, Hohenrode, Reinsen, Rolfshagen, also alles Orte mit einer zahlreichen Arbeiterbevölkerung.

Um die Jahrhundertwende verstärkte sich die Arbeiterbewegung weiter und zeigte sich häufiger in der Öffentlichkeit. „Eine früher nicht beobachtete Erscheinung ist das Absingen von socialdemokratischen Liedern, z.B. der Arbeitermarsaillaise auf dem Heimwege von der Arbeit.“

Ein Blick auf diese Verhältnisse zeigt, daß die organisierte Arbeiterbewegung vor allem zwischen Stadthagen und Obernkirchen eine zahlreiche Anhängerschaft besaß. Das in der Heimatliteratur häufig kolportierte Bild von den „zahmen“ Sozialdemokraten in Schaumburg-Lippe, die treu zum Fürstenhaus standen, hat mit der historischen Wirklichkeit nur wenig gemeinsam. Das Fürstenhaus war für die Arbeiter weit weniger wichtig als heute häufig angenommen wird, sondern es gab zahlreiche Verbindungen nach außen, sowohl zu den Sozialdemokraten in Bielefeld wie in Hannover. Weder der fürstliche Kleinstaat noch der preußische Landkreis befanden sich auf einer von der übrigen Gesellschaft isolierten regionalen Insel. Die allgemeine Entwicklung in Deutschland und sogar in Europa wurde auch hier in der Provinz sehr sorgfältig wahrgenommen. Somit standen den Veränderungen in der Wirtschaft, die in den wichtigen Sektoren Bergbau und Glasindustrie eine zunehmende Tendenz zur kapitalintensiven Modernisierung zeigten, entsprechende Veränderungen auch im politischen Leben der Arbeiter gegenüber.

Allerdings zeigten gerade die Jahre um die Jahrhundertwende und dann noch einmal kurz vor dem Ersten Weltkrieg, daß die selbstbewußte Arbeiterschaft es nicht schaffte, die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, welche auf eine Diskriminierung gewerkschaftlicher Organisationen zielten, zu beseitigen. Weder der Glasmacherstreik von 1900/1901 noch der 1912 durchgeführte Streik der Bergarbeiter konnten ihre Ziele erreichen. In beiden Fällen mußten die Streikenden erfahren, daß sie von der Führung des Reiches oder ihren eigenen Landesherren irgendwelche Unterstützung erfahren konnten. Besonders bitter mochte das für die schaumburg-lippischen Bergleute gewesen sein, die 1912 in den Streik traten und von denen mehrere Hundert anschließend nicht wieder eingestellt wurden. Erst nach der Revolution von 1918 konnte die Arbeiterbewegung in Schaumburg sich ungehindert entfalten. Leider fehlt es noch an einer Darstellung dieser Zeit.

1900 - Umbruchzeit

Die Jahre um 1900 waren also in vielerlei Hinsicht eine Zeit des Umbruchs: für die schaumburgischen Arbeiter bedeuteten sie eine Zeit des Aufbruchs und der erfolgreichen Organisation, aber auch eine Phase bitterer Niederlagen und Enttäuschungen. Die Region, in der rein zahlenmäßig die Arbeiter dominierten, blieb weiterhin agrarisch geprägt. Das lag nicht nur daran, daß große Städte fehlten, sondern auch daran, daß viele Arbeiter zugleich eine kleine Landwirtschaft betrieben oder zumindest etwas Pachtland bewirtschafteten. So standen sich auch hier moderne Großbetriebe und eine kleinbäuerliche Existenz gegenüber. Im Vergleich zu anderen deutschen Industrieregionen war dies allerdings nichts Besonderes, denn ähnliche Verhältnisse herrschten auch andernorts, etwa im Saarland.

Schon beim Blick auf die Arbeiterbewegung war darauf verwiesen worden: Schaumburg war keine Insel, sondern stand in enger Beziehung zu den Nachbarregionen. Daran hatte auch die Eisenbahn einen wichtigen Anteil, denn die 1847 eröffnete Strecke Hannover-Minden, bzw. Berlin-Köln bildete die Voraussetzung für die erfolgreiche Industrialisierung des kleinen Landes. 1874 hatte auch Rinteln und das Wesertal einen Eisenbahnanschluß erhalten. Lediglich Obernkirchen, wo die Anfänge von Schaumburgs Industrialisierung lagen, war weiterhin ohne Bahnanschluß geblieben. Erst 1900 gelang nach langen Kämpfen die Fertigstellung der Bahn, die nun einen kostengünstigen Transport von Bergwerks- und Glasprodukten ermöglichte. Schon zwei Jahre vorher hatte die „Seeprovinz“ um Steinhude einen Kleinbahnanschluß nach Wunstorf erhalten. Mögen diese Bahnstrecken auch heute eher „niedlich“ wirken, für damalige Verhältnisse waren sie eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche ökonomische Entwicklung, die im Falle Steinhudes vor allem die Entstehung des Tourismus bedeutete.

Was bleibt aus dem Abstand von einhundert Jahren über diese Zeit um das Jahr 1900? Manches wirkt erstaunlich modern: schon damals hatten viele gemeint, daß eine Eisenbahn zwischen Rinteln und Stadthagen nicht notwendig sei, heute ist das nicht anders. Die Modernisierung der Wirtschaft kostete damals schon viele Opfer: nicht nur die Glasmacher litten unter Automatisierung und Mechanisierung, sondern auch die kleinen Hütten in Stadthagen oder am Bückeberg, die nicht im notwendigen Maße investieren konnten und in den folgenden Jahrzehnten nach und nach verschwanden.

Selbst die Abhängigkeit vom Weltmarkt, die heute unter dem Stichwort „Globalisierung“ für Schlagzeilen sorgt, war damals nichts Neues, denn gerade Schaumburgs Industrie lebte vom weltweiten Absatz ihrer Produkte. Schließlich waren es Jahre des Aufbruchs: die elektrische Energie stand kurz vor ihrem umfassenden Siegeszug, das Auto war gerade erfunden, das Telefon ebenfalls. Das alltägliche Leben der Menschen erfuhr beinahe jeden Tag neue Verbesserungen. Auch darin gibt es Parallelen zur heutigen Zeit, man denke nur an das Internet und die Bedeutung des Computers. Was wir heute vielleicht als „gute, alte Zeit“ beschreiben würden, war aus damaliger Sicht die Moderne, eine Moderne allerdings, die schon wenige Jahre später den Schock des ersten Weltkriegs erfahren mußte.

Literatur:

Die im Text verwendeten Angaben entstammen:

Karl H. Schneider, Schaumburg in der Industrialisierung. Teil 2: Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg. (Schaumburger Studien H. 53) Melle 1995.

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