Schlacht Minden Erinnerungskultur

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250 Jahre Erinnerungskultur

Inhaltsverzeichnis

Eine Schlacht um Minden?

Anfänglich festgehalten werden muss Folgendes: Es gab keine Schlacht um Minden, sondern eine Schlacht bei Minden. Auch wenn es dabei nicht um die Stadt selbst ging, so war die Schlacht für die Menschen in und um Minden nicht weniger bedrohlich. Sie wurden unweigerlich zu Schlachtteilnehmern: Sie versorgten die Soldaten mit Nahrung, boten ihnen Unterkunft und pflegten die Verwundeten. Die Ernte wurde zum Futter der Soldatenpferde und umherschwirrende Gewehrkugeln machten keinen Unterschied zwischen Soldat und Mutter. Not entstand nicht nur durch die Kämpfe, sondern auch durch Verknappung der alltäglichen Ressourcen. Kurz: Die Mindener waren Opfer! Doch sie trugen ihren Teil zum Sieg gegen Frankreich und Österreich bei. Ein Sieg, der seine Schatten bis nach Amerika werfen sollte. Die Schlacht bei Minden liegt nun 250 Jahre zurück, doch sie ist nicht vergessen. So erinnern sich heute neben Siegern und Verlierern vor allem die Mindener an die tradierten und überlieferten Informationen aus dem Jahr 1759. Niemand kann aus erster Hand erzählen, was damals geschehen ist. Alles, was bleibt sind Berichte, Bilder, Überreste und andere Quellen. So liegt es an uns, diese Materialien richtig zu deuten und die Geschichte zu rekonstruieren.

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Was ist Geschichte?

Wir sprechen wiederholt von Erinnern und Geschichte. Natürlich sind das zwei ganz alltägliche Begriffe, trotzdem muss man auf ihre Bedeutung eingehen, um für den richtigen Umgang mit diesen Begriffen sensibilisiert zu werden. Was „sich Erinnern“ bedeutet ist jedem klar. Aber selbst wenn man seine Erinnerungen mit größtmöglicher Sorgfalt prüft, so sind diese doch immer subjektiv. Sie sind gefärbt vom eigenen Charakter und gefiltert durch den eigenen begrenzten Blickwinkel. Außerdem muss man zwischen eigener Erfahrung und dem durch Überlieferung anderer Menschen Gelerntem unterscheiden. Deshalb sind heutige „Erinnerungen“ an die Schlacht bei Minden sicherlich ungenau bzw. nicht vollkommen. Denn obgleich es Bilder, Texte und andere Überlieferung gibt - keiner von uns war damals wirklich dabei.

Der Begriff Geschichte bedeutet einerseits Fiktion, hängt mit Romanen, Krimis und Märchen zusammen und wir gewähren ihnen das Prädikat "könnte-so-gewesen-sein". Geht es um ein Ereignis, bekommt das Wort eine ganz andere Bedeutung. Es handelt sich nicht mehr um bloße Fiktion, sondern um den Bericht eines vergangenen Geschehnisses, etwas Realen. Was über dieses Ereignis berichtet wird, ob in Büchern, im Fernsehen oder auch in der Schule, das wird meist vertrauensvoll als die Wahrheit akzeptiert. Grundsätzlich ist es natürlich nicht falsch, einer vermeintlichen Expertenmeinung zu trauen, aber ohne ein paar weitere Überlegungen und Recherchen kann daraus ein fehlerhaftes Geschichtsverständnis entstehen.

Geschichte ist ein gigantisches Puzzle. Man fügt Tonscherben, Chroniken, Urkunden und sämtliche andere Quellen zu einem Bild zusammen. Dabei fehlen immer wieder Puzzleteile, und die vorhandenen richtig zueinander anzuordnen, erfordert gute Interpretationsfähigkeiten. Durch wissenschaftliche Methoden und Erfahrung werden Sachverhalte erschlossen, geprüft und miteinander kombiniert. Aber: Es bleibt eine Interpretation von Fakten. Besitzurkunden können gefälscht und Briefe voller Lügen sein. Zudem waren die Menschen damals nicht objektiver als heute. Sie konnten von einem Ereignis auch nur das wissen, was sie selbst erlebten oder was ihnen berichtet wurde. Der Erfahrungshorizont war sogar kleiner als heute, weil kaum mediale Informationsverbreitung bestand. Auch perfekt erhaltene Quellen, wie zum Beispiel Augenzeugenberichte in einem Brief, sind also mit Vorsicht zu genießen, denn es stellen sich viele Fragen: Ist die Darstellung des Autors durch seinen Blickwinkel einseitig? Wusste er genug, um sich eine Meinung bilden zu können? Was war seine Intention? All das ist zu beachten, bei jedem einzelnen Puzzleteil aus dem sich Stück für Stück ein Bild ergibt - unser interpretiertes Bild der Geschichte.

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Geschichte erleben

Trotzdem lässt sich Geschichte oft sehr gut rekonstruieren und längst vergessene Ereignisse werden wieder in Erinnerung gerufen. Aber immer wieder bleiben Fragen offen oder ganz neue werden aufgeworfen. Geschichte ist kein Gesetzestext. Geschichte ist nicht nur eine Auflistung von Zahlen und Fakten. Geschichte bedeutet auch immer Erfahrungen und Gefühle von Betroffenen. Um die Geschichte der Schlacht bei Minden zu begreifen, muss man nicht nur die Zahlen kennen, man muss nicht nur wissen, welche Hintergründe es gab, man muss auch versuchen ein Gefühl für dieses Ereignis zu bekommen. Wie haben sich die Menschen gefühlt? Wovor hatten sie Angst? Worunter litten sie? Wie war es, auf einmal mitten in einem Krieg gefangen zu sein? Wie war es, alles mit Fremden teilen zu müssen? Wie war es, die vielen Verwundeten zu sehen und sich um sie zu kümmern? Der Schlüssel zur Geschichte besteht darin, Zahlen und Fakten mit den Erlebnissen der Menschen in Verbindung zu setzen. Darum muss versucht werden, die Dinge sowohl aus eigener, als auch aus Sicht der Betroffenen wahrzunehmen und sich in sie hineinzuversetzen. Wer die Möglichkeit hat, sollte auch versuchen, Geschichte nach zu erleben, zu fühlen, zu verstehen. Denn Geschichte ist nichts anderes als die vergangenen Erlebnisse der Menschen.</div>

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250 Jahre Erinnerungskultur

Eine der Veranstaltungen zum 250. Jahrestag der Schlacht bei Minden.
Was geschah am 1. August 1759 in der Schlacht bei Minden? Welche Bedeutung erlangte sie auf globaler, europäischer und regionaler Ebene? Wie spiegelt sie sich in Erinnerungen der Bevölkerung, der geschichtlichen Überlieferung und der Kultur des Erinnerns selbst wider? Um diese zentralen Fragen soll es in der Abteilung Erinnerungskultur gehen. An mehreren Beispielen wird gezeigt, wie Gegenstände und Formen der Erinnerungen verschiedene Aspekte der Schlacht abbilden können. Es wird dabei nicht nur ein bestimmter Blickwinkel auf die Schlacht dargestellt, vielmehr sollen die verschiedensten Interpretationen und in einigen Fällen auch die gegensätzlichen Meinungen und Darstellungen angesprochen werden, jeweils ihrer eigenen Zeit entsprechend.
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Erinnerungskultur - Zweck und Nutzen

"Gedächtnis, Erinnerung, Gedenken, eine dazu entwickelte Kultur haben vielfältige Anlässe, in diesem Fall eine Schlacht vom Morgengrauen bis Mittag am heißen 1. August des Jahres 1759". Das Gedächtnis des Einzelnen, der Gemeinschaft oder eines Volkes macht sich aus dem jeweiligen Blickwinkel und Interesse an bereits Bekanntem fest, mit dem verglichen wird. An dieser Stelle sind es die Vorgänge der Schlacht mit Verwicklungen von Beobachtern oder von Beteiligten, Tätern und Opfern, Siegern und Besiegten. Gedächtnis beruht auf dem Vermögen, Informationen zu sammeln, zu speichern, sortieren und dabei Unerwünschtes oder Unnötiges auszusortieren. Erinnerung knüpft an Bekanntem an und verknüpft das neue Unbekannte damit. Diese "Verknüpfungen" ergeben sich aus den gesellschaftlichen und kulturellen Zusammenhängen Einzelner oder Gruppen. Das politische Gedächtnis einer Gemeinschaft kann sich national ausrichten, es kann Mythen – wie Legenden oder Märchen – hervorbringen und die Tatsachen verstellen.

Das Gedächtnis des Einzelnen oder einer Gesellschaft, also die Erinnerung, braucht Orte, Bilder und Vorstellungen in der Zeit. Fragen wie "Wer erinnert sich an was oder wen? Warum wird erinnert? Warum werden bestimmte Vorgänge lange Zeit aus der Erinnerung verdrängt und verschwiegen?" spielen eine wichtige Rolle dabei. Aber auch andere Fragen stellen sich dabei, z. B. "Welche Rolle spielt das ’zeitweise’ Vergessen? Wie entstehen Freude und Trauer auf dasselbe Ereignis? Wie wandelt sich Erinnerung, das gemeinsame Gedächtnis einer Gesellschaft?" Genau hier lassen sich erste Ansätze über den Zweck und Nutzen der Erinnerungskultur selbst finden.

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Erinnerungskultur zur Schlacht bei Minden

Die Schlacht bei Minden? 1759? Das war kein Thema im Geschichtsunterricht in den Oberstufen der drei Mindener Gymnasien im Jahre 1959. Wir Schüler erfuhren nebenbei, dass beim Freischießen der Mindener Schützen ein großer Aufmarsch zum Denkmal bei Kutenhausen stattfinden werde und das während unserer Sommerferien.

Frühe Neuzeit, Siebenjähriger Krieg und die Schlacht bei Minden gehörten nicht zum Unterrichtsstoff; vielmehr ging es um Absolutismus, Merkantilismus und ein wenig Aufklärung. Kurz und gut, Friedrich der Große war das Thema. Lehrbücher und Lehrer bezogen sich nie auf Darstellung und Erklärung dieser Geschichten vor Ort. Die ungenaue örtliche Überlieferung berichtete vielmehr über die große Anzahl zu bergender Verwundeter und Toter im Gefolge der Schlacht; mehr nicht.

Es ist der unermüdlichen Arbeit des Mindener Geschichtsvereins zu verdanken, dass er schon vor 1959, danach wiederkehrend, und in den letzten Jahren verstärkt und auf hohem Niveau in seine Veröffentlichungen und Vortragsveranstaltungen zur Schlacht und ihrem Umfeld gearbeitet hat. Diese Arbeit, wozu auch Zeitungsberichte und die öffentliche Vorbereitung auf den 250. Jahrestag gehören, hat erheblichen Anteil daran, dass das Bewusstsein für diese Schlacht heute wieder erwacht.

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Woran soll eigentlich erinnert werden?

Jean Paul, einer der scharfsinnigsten deutschen Schriftsteller, hat einmal geschrieben: "Nicht bloß auf dem Schlachtfeld, auch auf dem geweihten Boden der Tugend, auf dem klassischen Boden der Wahrheit türmet sich erst aus 1000 fallenden und kämpfenden unbekannten Helden das Fußgestell, auf dem die Geschichte einen benannten ‚Helden' bluten, siegen und glänzen sieht." Jean Paul meinte Napoleon, wir meinen die dargestellten Feldherren wie Contades und Broglie auf französischer Seite oder Herzog Ferdinand von Braunschweig, Graf Wilhelm von Schaumburg Lippe auf alliierter Seite. Ebenso meinen wir die britische Sichtweise, wonach 1759 das Jahr war, "... when England became Master of the World..." (nach der Schlacht bei Quebec im September 1759); oder wir meinen die spätere preußische Perspektive, die die Schlacht bei Minden zunehmend in einen eigenen Sieg umdeutete und vereinnahmte, obwohl nur ein kleines "Häuflein" preußischer Kavallerie zugegen war.

Es ging bei der Schlacht bei Minden strategisch um einen Konflikt zwischen Frankreich und Großbritannien mit zwei Zielsetzungen: Die Franzosen begegneten der Bedrohung ihrer Kolonialinteressen in Nordamerika, der Karibik und Indien durch die Personalunion England-Hannover dadurch, dass sie Hannover als Faustpfand einnehmen wollten. Die Briten ihrerseits kämpften auf dem Boden des Reiches einschließlich des heutigen Belgien und der Niederlande darum, eine französische Invasion in England zu verhindern. Verwundete und Tote waren für beide Seiten das, was man bewusst in Kauf nahm. Nur, warum nicht der Toten gedenken, von denen die größere Zahl mehrere Tausend Franzosen waren? Auch die Verlierer haben ein Recht auf Erinnerung und Gedenken.

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