Tribalismus

Aus LernWerkstatt Geschichte
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Es gehört zu den Klischees in der Betrachtung Afrikas, daß die eigentliche Triebfeder afrikanischen Handelns der Tribalismus gewesen sei und daß er auch in der Gegenwart fortwirke. Als starres Konzept setzt es die Vorstellung von einer ausgeprägten Statik afrikanischer Sozialstrukturen fort. Dies geschieht, obwohl zugleich von vorkolonialen und postkolonialen Staaten zu reden ist, obwohl Nationalbewegungen, Urbanisierungsprozesse und die Kommerzialisierung von Agrarproduktion sowie das Vordringen von Privateigentum zu beobachten sind.

Wie bei Vorurteilen üblich, bezieht sich auch das Konzept vom Tribalismus – als Grundstruktur der afrikanischen Gesellschaften – auf soziale Phänomene, hier die von Gruppen- und Regionsloyalitäten. Da ein überhistorisches Phänomen erfaßt werden soll, werden Kolonialherrschaft und postkoloniale Entwicklung unter der Perspektive dargestellt, daß diese modernen Entwicklungen nur an der Oberfläche wirksam seien, die Ersetzung des Tribalismus durch moderne Staatsstrukturen aber gescheitert sei.

Zu fragen ist: Welche Bedeutung hatte das Konzept „Stamm“ in der Kolonialentwicklung? Welche Loyalitäten waren (und sind) gemeint? Welche Folgen hatte das „Stammes“-Klischee für afrikanische Gesellschaften?

Der Gegensatz von Stamm und Staat wurde aus dem europäischen Verständnis dessen, was einen „Stamm“ definiere, entwickelt. Ein „Stamm“ bezeichne demnach eine sprachlich-kulturelle Einheit und ließe sich im Rahmen einer Abstammungsgeschichte auch biologisch-ethnisch gegen andere „Stämme“ klar abgrenzen.

Dieses Bild einer statischen idealen Stammesverfassung wurde aus verschiedenen Beobachtungen zusammengesetzt: Sprachwissenschaftler/Missionare, die die Missionierung in der Muttersprache der Afrikaner vorbereiteten, analysierten die schriftlosen Sprachen, grenzten sie voneinander ab, entschieden, was als Dialekt oder als selbständige Sprache und damit selbständiger Stamm oder Untergruppe zu gelten hatte.

Ethnologen, Reisende und Missionare untersuchten zu bestimmten Zeitpunkten der Kolonialherrschaft, z.B. 1910 oder 1930, aber auch noch 1950, was wohl hinter der Realität von afrikanischen Gruppen das Wesentliche, das vom Kolonialismus und der Moderne unberührte Alte sei. Hierbei stützten sie sich durchaus auf das Bild von afrikanischer Gesellschaft, das die Traditionsträger der mündlichen Überlieferung als typisch oder wesentlich für ihre Gruppe oder Volk ansahen, also die Hofchronisten, Priester, später die „tribal politicians“, die Häuptlingsräte unter der Kolonialverwaltung.

Das Konzept von biologisch-rassischer Unveränderbarkeit des Stammes erhielt auch, als offene rassistische Perzeptionen nachließen, eine Bestätigung, weil der Blick auf das traditionale, noch nicht von der Moderne oder prinzipiell von jedem Fremdeinfluß freie Afrika konzentriert war. Betont wurde gesellschaftliche Statik. Durch die radikale Unterscheidung von Eigenentwicklung und Fremdeinfluß wurde das, was untypisch erschien, aus der gesellschaftlichen Realität ausgeblendet oder, wenn unumgänglich, als Überlagerung oder als Akkulturationsphänomen eingeordnet (also als Angleichung afrikanischer an die fremden Kulturen).

Ein derartiges Konzept vom Stamm war von politischem Nutzen für die Kolonialherrschaft. Der Kolonialismus benötigte klar abgrenzbare politische und soziokulturelle Strukturen. Zum einen ging es darum, größere Sprachräume und vereinheitlichte Begriffe im kulturellen und religiösen Bereich zu schaffen, damit in einer „Muttersprache“ missioniert werden konnte. Zum anderen benötigte die Kolonial administration Einflusswege in die afrikanische Gesellschaft und damit administrativ eindeutig hierarchisierbare Verhältnisse. Die Betonung von Stammesabgrenzung und Starrheit afrikanischer gesellschaftlicher Systeme ließ sich in der sogenannten Pazifizierungsphase (Schwerpunkt: die neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts) sowohl zur Machtbalance als auch zur Rechtfertigung von Herrschaft nutzen, um „Stammesrivalitäten“ auszubalancieren oder zu unterdrücken. Gegen den aufkommenden Nationalismus und den Erziehungsanspruch der modernen Eliten ließ sich das alte, eigentliche vorkoloniale Afrika mit seinen Stammesidentitäten gegen die angeblich verbildete und unangemessen anspruchsvolle, unruhige und nationalistische Elite ausspielen. Das wirkte selbst dann, wenn man insbesondere den Söhnen der Häuptlinge bevorzugte Ausbildungs- und Aufstiegschancen schuf.

Die Ironie der Geschichte ist nun, daß alle von Europäern entwickelten Kriterien für Stamm, nämlich sprachlich-kulturelle Einheit und Stetigkeit, biologisch-rassische Geschlossenheit und Abgrenzbarkeit, vollständige Fiktionen sind. Das Kennzeichen der afrikanischen Geschichte vor der Kolonialzeit ist die Unabgeschlossenheit und Offenheit ihrer politischen und kulturellen Systeme – dies ist durch die Kolonialherrschaft beendet worden. Die Betonung von „Stamm“ bis hin zur Gründung und Organisation von Stämmen durch die Kolonialadministration selbst ist eines der herausragenden Ergebnisse der Herrschaftstechnik von Kolonialpolitik.

Auf beide Aspekte soll eingegangen werden: auf eine die Starrheit des Stammesbegriffes überwindende Vorstellung von afrikanischer Geschichte und auf die Betonung von „Stammesstrukturen“ durch die Kolonialherrschaft. Um beides leisten zu können, kommt man nicht darum herum, an die fiktiven und realen sozialen Organisationsprinzipien afrikanischer Gesellschaften anzuknüpfen. Auch wenn man „Stamm“ und „ Tribalismus“ als belastete Begriffe vermeiden will, müssen doch Gruppen- und Regionalloyalitäten benannt werden.

Im folgenden wird der Begriff Ethnizität verwandt. Er hat den Vorteil, daß er Systeme mit tatsächlichen und fiktiven Verwandtschaftsverhältnissen – auch Strukturelemente größerer Gruppen – umfassen kann: also Großfamilien, Clans, Systeme bzw. Föderationen von Clans (lineages), kurz, kinship-Systeme. Aber er ist dennoch offen für andere konstituierende Elemente von Gruppen- und Regionsloyalitäten als der von kinship bestimmten. Insbesondere soll die Verwendung des Begriffes Ethnizität unterstreichen, daß seine Inhalte historisch konstituiert und veränderbar sind und daß sich vorkoloniale und nachkoloniale Staatsbildung und Ethnizität nicht gegenseitig ausschließen. Es ist nicht die Absicht des Essays, die Bedeutung von Ethnizität in Afrika zu bagatellisieren, wohl aber darauf hinzuweisen, daß sie ihre Funktionen verändert, sich in ihrer Bedeutung verstärken oder abschwächen kann und sich auf keinen Fall alle oder auch nur die wichtigsten politisch-sozialen Prozesse unter diesen Begriff fassen lassen. Dies gilt natürlich auch für die nachkoloniale Zeit, die hier nicht behandelt wird. Ethnizität verändert in der Gegenwart ihre Funktionen umso mehr, je stärker der nachkoloniale Staat über die Ressourcenverteilung verfügt, je differenzierter die individuelle und Gruppenidentität in der modernen Gesellschaft wird und je deutlicher Regionalismus versus Zentralismus oder Rivalitäten um das Herrschaftszentrum ausgeprägt werden.


Kinship: Abstammungszusammenhang als gesellschaftliches Organisationsprinzip

Es ist nur scheinbar ein Widerspruch, wenn die These, daß die vorkoloniale afrikanische Gesellschaftsorganisation besonders flexibel war, dennoch mit einem „Abstammungskonzept“ beginnen muß: Es geht um das Organisationsprinzip von kinship und Großfamilien, Clans, Clanföderationen sogar innerhalb großer vorkolonialer Staaten.

Herrschaft und Sozialverfassung verändern sich in Afrika wie in allen menschlichen Gesellschaften im Verlauf der Intensivierung von Agrarproduktion. In ihrer Folge vermehrt sich die Bevölkerung, und der Nahrungsspielraum weitet sich aus. Aber für die Formen der Herrschaftsbildung bleibt charakteristisch, daß mit wenigen Ausnahmen die Bevölkerungsdichte so gering bleibt, daß Herrschaft über Leute wichtiger ist als Herrschaft über Land. Man kann in Afrika bis weit in das 20. Jahrhundert auf neues Land ausweichen. Herrschaft muß sich als Kontrolle über Leute etablieren, die man hindern können muß, sich der Kontrolle durch Verweigerung von Tribut, Arbeitsleistung oder durch Wegwandern zu entziehen. Den Herrschenden stellt sich dabei das Problem, daß die Autonomie der Produzenten – bei einer Mindestgröße von Familie und Nachbarschaft – ziemlich groß ist.

Herrschaftsbildung hat nur einen einzigen Anknüpfungspunkt: die Nutzung der hierarchischen Strukturen. Sie entwickeln sich aus dem Lebenszyklus und der Arbeitsteilung innerhalb der Großfamilien; zugleich beruhen sie auf der Notwendigkeit, daß Großfamilien ein Mindestmaß an Außenbeziehungen für die Eheschließung (und das damit verbundene Erbrecht) sowie für ein Mindestmaß an Austausch von seltenen Waren benötigen. Herrschaftsbildung oder gar Staatsbildung setzt deshalb voraus, daß Großfamilien- und Clanübergreifende Handlungsmöglichkeiten geschaffen werden. Die Lösung liegt darin, daß die Kunst der Herrschaftsausübung – auf der Basis von kinship-Beziehungen – darin besteht, so viele Fremde zu integrieren wie möglich. Dies aber wird in den Konzepten von „Stamm“ oder (überbetonter) Ethnizität prinzipiell verdeckt. Eine der großen Erfindungen neben der so wichtigen Heiratsallianz ist die der fiktiven Abstammungsgemeinschaft, in die sich Zuwanderer, Flüchtlinge, sogenannte Ureinwohner, Kriegsgefangene und Sklaven integrieren lassen. Auf erweiterte Möglichkeiten, Menschen in Herrschaftssysteme zu konzentrieren, kam es an. Die Einbindung von Fremden in die kinship entsprach in der Funktion oft Klientel-Verhältnissen. So konnten Schuldner auf Zeit adoptiert werden, oder Kaufleute organisierten durch den Abschluß von Blutsbrüderschaften Sicherheit auf ihren Handelswegen. Es ist mit Recht argumentiert worden, daß sogar für die Institution der Sklaverei die Integrationsmöglichkeiten des kinship-Systems genutzt wurden (Lovejoy).

Abstammungs- und Gründungs- bzw. Wanderungsmythen sind zahlreich. Sie lassen sich auf einen tatsächlichen oder fiktiven Gründer bzw. auf eine Gründerin beziehen. So kann tatsächlich ein Schmiede-Clan in eine schon besiedelte Gegend eingewandert sein und aufgrund seines kulturellen Angebotes, das mit spiritueller Überlegenheit verbunden sein mochte, sich zum vorherrschenden Clan ausbilden, denen sich andere zuordnen. Welche Sprache sich dann durchsetzt oder wie lexikalische und grammatische Verschmelzungen stattfinden, hängt von den historischen Umständen ab. Ebenso entscheiden sie, ob ein Usurpator seine Legitimität durch Einheirat in alteingesessene Clans durchsetzt, die eigene religiöse Symbolik zum Zuge kommt, ob eine Koexistenz von Kulten entsteht oder ob etwa der Usurpator die Ursprungslegende des „Stammes“ auf sich anwenden und umformen läßt.

Auch im vorkolonialen Staat bleibt das Konzept von kinship erhalten, selbst wenn zentrale Funktionen, etwa überregionale sakrale Aufgaben, Titelvergabe für gewisse Ämter oder gar nichterblicher Dienstadel entstehen oder Amtsfunktionen durch Sklaven wahrgenommen und damit die Einflußmöglichkeiten von Clans bei Hofe und in den Clan-Ländereien eingeschränkt werden. Daraus entsteht zweifellos eine Schwäche für den Staatsbildungsprozeß, weil die Mechanismen und Anknüpfungspunkte für Herrschaft bei Dorfältesten, Clanführern oder Königen gleich und letztlich nur eine Frage der Kombination der Funktionen sind. Aber die afrikanischen Gesellschaften haben eine reiche gesellschaftliche Phantasie entwickelt, das kinship-System zu einem sehr wandlungsfähigen Instrument zu machen.

Als Beispiel sei der vom Konzept des „modernen“, d.h. europäischen Staates am weitesten entfernte Fall idealtypisch vorgeführt: die staatenlose Gesellschaft, wie sie Horton für Westafrika dargestellt hat. Staatenlos heißt nicht herrschaftsfrei, und es sind auch nicht nur Kleingruppen gemeint, sondern ebenfalls große Völker, die zu Hunderttausenden „staatenlos“ organisiert waren, wie die Tiv und Ibo in Nigeria. In diesen „staatenlosen“ Gesellschaften gibt es wenig Konzentration von Autorität. Es ist schwierig, ein Individuum oder eine Gruppe zu finden, die man als Herrscher über die Gesellschaft identifizieren kann. Die ausgeübte Autorität beschränkt sich stets nur auf einen Sektor des gesellschaftlichen Lebens. Verschiedene Aspekte von Gerichtsbarkeit sind z.B. auf mehrere Amtsträger aufgeteilt. Erbschaftsregulierungen, Entscheidungen über Saat- und Ernterhythmus oder über den Einsatz kollektiver Arbeit und die Initiationsregeln liegen nicht in einer Hand oder in der Gewalt einer Gruppe. Dementsprechend gibt es keine Vollzeitbeschäftigung für Inhaber von Autorität.

Woher kommt nun die Kohärenz im gesellschaftlichen Handeln bei derartig geringen Machtkonzentrationen in den afrikanischen Gesellschaften? In „staatenlosen“ Gesellschaften lebten vor 1900 immerhin 30 Prozent der Bevölkerung Afrikas.

Voraussetzung ist ein relativ großes ökonomisches Gleichgewicht, insbesondere eine relativ gleichmäßige Verteilung von Land, ein hoher Selbstversorgungsgrad und ziemlich langdauernde Landnutzung, die Wanderungen selten machen. Erforderlich ist aber auch, daß Land geringfügig verknappt ist und daß einige wichtige Produktionsschritte in Landwirtschaft und Jagd die Arbeitskapazität von Kleingruppen überfordern. Ebenfalls wichtig ist sicherlich eine latente militärische Bedrohung der Siedlungen, die zur befestigten Dorfbildung veranlassen.

Diese Struktur kann auch dann erhalten bleiben, wenn sich die egalitäre Verteilung von Land auflöst. Alteingesessene Clans, die aus Arbeitskraft- wie aus militärischen Gründen Zuwanderer dulden oder anziehen, können einen Primat der Landverteilung erringen, symbolisiert durch die Ämterwahrnehmung des Erd-Priesters. Die Zuwandernden können unter Umständen als Gegengewicht das Amt des Arbeitskräfte zuteilenden Ältesten besetzen. Insbesondere in dieser Konstellation wird nochmals deutlich, daß sogar in der staatenlosen Gesellschaft trotz der strukturellen Bedeutung von kinship z.B. im Verteidigungsfall und im Fall kollektiver Arbeit Nachbarschaft wichtiger ist als Verwandtschaft. Das heißt auch: Selbstverständlich bestehen im Normalzustand spannungsreiche Beziehungen zwischen den Dörfern nach dem Prinzip der Rivalität zwischen feindlichen Brüdern, die nur im Krisenfall höhere Autorität auf Zeit organisieren.

Zur Milderung dieses Rivalitätsprinzips und zur Integration der mächtigeren und reicheren Clans, der Aufnahme der Aufsteiger und der Zurückdrängung der sozialen Absteiger und damit zur geregelten Kontrolle der sozialen Prozesse haben viele afrikanische Gesellschaften Institutionen geschaffen, die quer zu den üblichen kinship-Strukturen verlaufen: die Altersgruppe, abgeleitet aus der Initiation, die Geheimgesellschaft, die Streuung von Ämtern sowie die Bevorrechtigung von starken Clans.

Die Altersgruppen von Männern und Frauen organisieren – letztlich quer zu der Clanzugehörigkeit – den Gegensatz von alt und jung, Männern und Frauen. Für die zentrale Autoritätsbildung können sie von überragender Bedeutung werden, wenn die Autorität die Altersgruppe, die sich den Initiationsriten unterzieht, für neue militärische und landwirtschaftliche Zwecke nutzen kann – wie z.B. die Zulu und Ndebele im südlichen Afrika im 19. Jahrhundert.

Die Geheimgesellschaft ist das hervorragende Mittel zur Kontrolle und Einbindung der starken Clans und der Disziplinierung der Dauerrivalitäten zwischen ihnen. Das wesentliche an einer Geheimgesellschaft ist, daß, wer in ihr aufgenommen ist, sich symbolisch aus seinem Clan löst. Während auf den öffentlichen Dorfversammlungen Clanloyalität erforderlich ist, ermöglicht die Entscheidung hinter der Maske der Geheimgesellschaft gemeinschaftsdienliche Entscheidungen, ohne z.B. Blutrache auszulösen. Durch hohe Aufnahmegebühren und Unterhaltszahlungen für die Gemeinschaft wird die Oligarchie der starken Clans sowohl begünstigt als auch ihre Rivalitäten eingebunden. Auch die Ämter- und Titel-Streuung dient diesem Ziel; sie ist insbesondere darauf angelegt, die Interessen alter und neuer Clans auszubalancieren, gegen Tendenzen zur Zentralgewalt Gegengewichte zu schaffen, unterschiedlichste Kulte zuzulassen. Für Dörfer im Nigerdelta weist Horton z.B. auf die Aufteilung von religiösen Funktionen auf zwölf Priesterämter hin. Für die Bändigung von Rivalitäten, wie sie Tosh für die Lango in Uganda nachgewiesen hat, konnte eine Zentralinstanz gerade soviel Macht haben, daß sie die Regeln auf den clan-übergreifenden Versammlungen festlegte und in Kämpfen zwischen Clans dafür sorgte, daß nur nicht-tötende Waffen wie Stöcke, Keulen und Peitschen eingesetzt wurden – im Unterschied zum Speer im Kriegsfall und auf der Jagd.


Kolonialherrschaft verhärtet Ethnizität – und revolutioniert sie

Kolonialherrschaft greift auf dreifache Weise in die Organisations- und Integrationsprozesse der afrikanischen Gesellschaften ein.

Erstens schafft sie mit dem kolonialen Gewaltmonopol und dem von einer unüberwindbaren Zentrale (der kolonialen Hauptstadt) verwalteten Flächenstaat den Freiraum für alte afrikanische Integrationsprozesse ab; sie schreibt den status quo fest und legt ihn (nach Niederlagen der alten Führungsschicht im sogenannten „ primary resistance“) neu fest.

Zweitens braucht, sucht und notfalls erfindet die Kolonialadministration geeignete Einheiten und Hierarchien, die sich verwalten lassen. Dies führt in allen kolonialen Verwaltungssystemen zu verstärkter Staatsintervention. Besonders systematisch entwickelt wurde diese kolonialstaatliche „Stammespolitik“ im britischen System der indirect rule. Schließlich fördert die Kolonialherrschaft neue Identitäten – neben die alten treten die eines missionierten Christen, eines Muslims, eines städtischen Angestellten oder Bergarbeiters, schließlich nationale Bezugspunkte. Vor allem aber treibt sie den sozialen und ökonomischen Differenzierungsprozeß voran.

John Iliffe hat in seinem vorbildlichen Buch, „A Modern History of Tanganyika“ unter der Kapitelüberschrift „The creation of tribes“ diese Prozesse unter dem System der indirect rule beschrieben. Die Grundvorstellung der Beamten war der Stamm: „Stammesmitgliedschaft war erblich. Verschiedene Stämme waren abstammungsmäßig miteinander verbunden, so daß Afrikas Geschichte einen riesigen Abstammungsbaum von Stämmen“ ausmachte (S. 323f.). Selbst aufgeklärte Beamte, die wußten, daß sie von einer Fiktion ausgingen, brauchten die Organisationseinheit „Stamm“. Vor allem hatten sie einen Häuptling zu finden: „Der Bauer des abgelegenen Dorfes ... ist nun mit seinem Dorfältesten verbunden, dieser mit dem Unterhäuptling und jener mit dem Häuptling. Der Häuptling ist auf das Distrikt Office bezogen. So kann der Provinz-Kommissar über alles, was in der Provinz vorgeht, informiert sein“ (Reisebe richt des Gouverneurs v. 18.8.1928, Iliffe, S. 325). Und auch auf afrikanischer Seite wurde der „Stamm“ nun zugelassenes Aktionsfeld im Kolonialismus, „eine sichere, nicht nationalistische Basis für afrikanische politische Entwicklung“ (Austen). Hauptmittel zur Herstellung von Hierarchien war, „Stämme“ zu Unionen zu vereinigen und unter Oberhäuptlinge zu stellen, ein wirksames Mittel zugleich, administrationsfreundliche Vertreter zu fördern.

Das Hauptproblem dieses social engineering, wie Iliffe es nennt, bildeten die „staatenlosen“ Gesellschaften: In Südtanzania wurden aus Priestern Oberhäuptlinge, oder ein „staatenloser“ Stamm wurde einer benachbarten Häuptlingsherrschaft zugeordnet. Natürlich wurden damit auch Abwehrmechanismen organisiert, z.B. gegen den von der Kolonialmacht geförderten Usurpator und Kollaborateur. Aber im kolonialen Flächenstaat blieb diese Politik nicht wirkungslos.

Der nach Iliffe bemerkenswerteste Fall eines „neuen Stammes“ waren die Nyakyusa in Südtanzania. Im 19. Jahrhundert umschrieb dieser Name nur die Mitglieder einiger Clangruppen am Lake Malawi. Deutsche und britische Kolonialbeamte weiteten diesen Begriff auf kulturell ähnlich organisierte Gruppen aus. Als es den Briten nicht gelang, einen Oberhäuptling als Chef dieser staatenlosen Gruppen zu etablieren, beschränkten sie sich 1933 auf einen Rat von Häuptlingen. Nur wenige Jahre genügten, bis sich diese neue Einheit, allerdings verbunden durch eine gemeinsame Sprache, als effektive politische Einheit verstand. Bereits 1942 wurde eine Nyakyusa-Gesellschaft gegründet, deren Satzungszweck es war, „die guten Gebräuche und Gewohnheiten des Stammes zu bewahren“.

Kolonialadministration und Weltmarktanschluß wirkten gleichzeitig gegen diese Trends, den Stammesbezug zu steigern. Ziel der sozial mobilen Afrikaner und in der Regel auch der Führungsschicht mit „Stammes-Funktionen“ wurde die assimilative Bildung in der Sprache der Kolonialmacht – mit der Absicht, sich im Verwaltungs- und Marktsystem zu etablieren.

„Stammes-Funktionen“ verloren an Gewicht und (auch regionale) Institutionen, wie etwa die Genossenschaften, wurden zentrale Ansatzpunkte für regionale Interessenwahrnehmung. Diese verlagerte sich ohnehin immer mehr in die Zentrale.

Regionale Loyalitäten durchlaufen auch insofern einen Funktionswandel, als im Zuge der sozialen Differenzierung bis hin zur Klassenbildung die sozialen Sicherungssysteme des kinship-Systems an Gewicht verlieren und dem Verstädterungsprozeß angepaßt werden müssen. Hierzu gehört auch, daß regionale Loyalitäten und Klientelsysteme im politischen Machtkampf der Führungsschichten ausgenutzt werden. Gewiß verstellt man sich für die Analyse dieser Prozesse den Blick, wenn man mit der Fiktion von historischer Statik arbeitet. Noch wichtiger ist aber, die Verhärtung von Ethnizität als „Stamm“ in der Kolonialzeit als das zu nehmen, was sie ist: kein Relikt aus vormodernen Zeiten, sondern ein Steuerungsinstrument des kolonialen Staates, aber auch ein Defensivinstrument afrikanischer Gruppen.

Unangemessen erscheint aber auch, mit einem simplen Identitäts- oder auch Entfremdungsbegriff zu arbeiten. Die Assoziations- und Disassoziationswege haben sich auch in Afrika im 20. Jahrhundert außerordentlich vervielfältigt – und damit auch die Möglichkeiten für rivalisierende Identitäten. Damit werden moderne Identitäten überaus fragil, nicht nur in Afrika.


Literatur

  • R. Austen: Northwest Tanzania Under German and British Rule. Colonial Policy and Tribal Politics 1889-1939, New Haven 1968.
  • D.W. Cohen: Womunafu's Bunafu. A Study of Authority in a 19th Century African Community, Princeton 1977.
  • PH. Curtin, S. Feierman, L. Thompson & J. Vansina: African History, London 1978.
  • R. Horton: „Stateless societies in the history of West Africa”, in: J.F.A. Ajayi / M. Crowder, History of West Africa, Bd. 1, London 1971.
  • J. Iliffe: A Modern History of Tanganyika, Cambridge 1978.
  • H. Melber: „Stammeskultur als Zivilisationsgut“, i n: Peripherie 18/19 (1985), 143-161.
  • P. E. Lovejoy: Transformations in Slavery, Cambridge 1983.
  • T. Ranger: „Kolonialismus in Ost- und Zentralafrika. Von der Traditionellen zur Traditionalen Gesellschaft“, in: J.-H. Grevemeyer: Traditionale Gesellschaften und europäischer Kolonialismus, Frankfurt/M. 1981, 16-46.
  • J. Tosh: Clan Leaders and Colonial Chiefs in Lango, Oxford 1978.



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