Zur Darstellung deutscher Kolonialgeschichte im Internet

Aus LernWerkstatt Geschichte
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  • Autor: Jens Gnutzmann
  • Erstveröffentlichung: 2003 bei www.geschichte.uni-hannover.de


Zur Zeit der Niederschrift dieses Beitrages – gegen Ende Juni 03 – gingen einige aufgeregte Meldungen durch die Medien: Unter den Großgrundbesitzern Namibias sei erhebliche Unruhe ausgebrochen, man befürchte Landenteignungen, ganz in der Art, wie sie zuletzt 2002 in Simbabwe durchgeführt worden waren. Anhand der Fernsehbilder, die von den Versammlungen der Landeigner gesendet wurden, fiel nun natürlich auf, das diese sämtlich „Weiße“ und offensichtlich europäischer Herkunft waren. Genaugenommen: Deutscher Abstammung.

Namibia hieß einmal Deutsch-Südwestafrika und war um die Jahrhundertwende koloniale Beute des wilhelminischen Kaiserreiches; just zu der Zeit, als das deutsche Reich seinen Teil vom Glanz der konkurrierenden europäischen Imperialmächte einfangen wollte.

Tatsächlich sind noch heute fast alle namibischen Großgrundbesitzer deutscher Herkunft und berufen sich auf „Kaufverträge“ aus der wilhelminischen Kolonialära. Sie besitzen weiterhin die Hälfte des vorhandenen agrarischen Nutzlandes, und das in einem Staat von immerhin der doppelten Größe Deutschlandes.

Natürlich existiert auch zur afrikanischen Kolonialgeschichte ein beachtliches Angebot an Internet-Websites – wie zu fast jedem historischem Teilgebiet mittlerweile Net-Publikationen abrufbar sind. Unter den Begriffen „Deutsche Schutzgebiete“ und „Deutsche Schutztruppe“ führt die Suchmaschine „Altavista“ 770 bzw. 110 Adressen auf, anhand derer man sich über den imperialistischen Abschnitt deutscher Geschichte orientieren kann.

Oder zielen einzelne Publikationen eher auf eine Desorientierung? Keineswegs wird die Darstellung so gewaltbeladener Phasen wie der Kolonialgeschichte automatisch formalen und auch wissenschaftsethischen Ansprüchen gerecht. Gesteigert gilt dies sicher für die noch schwierigere Nachprüfbarkeit (teil-)anonymer Internetseiten. Anders als im Bereich der traditionellen Printmedien durchlaufen „Internetprojekte“ keine Regulation: Sie können unter dem Anschein von Wissenschaftlichkeit ohne Prüfung durch ein objektives Korrektiv „in die Welt gesetzt“ werden.

Geschichte als Disziplin beschreibt immer auch die Auseinandersetzungen antagonistischer Parteien, deren Konflikte ein Gegenstand der Prozesse sind, die der Historiker als „Geschichte“ mit seinen Mitteln untersucht. Die Geschichtswissenschaft ist eben an die schlichte Tatsache gebunden, dass beim „Schreiben“ der Historie widersprüchliche Interessen und Perspektiven von Einzelpersonen und Kollektiven vermittelt werden müssen.

Nicht immer gelingt dabei die Trennung zwischen der Analyse von historischen Interessenlagen einerseits und deren bloßer Reproduktion andererseits. Letztere mag auch gelegentlich durchaus das Ziel sein, wie manche Veröffentlichungen – auch im Internet – vermuten lassen.

Gerade Kolonialgeschichte ist sowohl Herrschafts- wie auch Opfergeschichte; und als solche ist sie schlicht ein Teil der Unrechtsgeschichte, welche die europäischen Gesellschaften auf dem Weg vom Spätmittelalter in die Moderne hervorgebracht haben.

Zwar ist jede Wiedergabe geschichtlicher Realität zunächst eine Realitätskonstruktion, ist immer eine Rekonstruktion, da empirisches Material und Quellen in aller Regel begrenzt sind und deshalb eine Annäherung an die historische Wirklichkeit unternommen werden muss. Einigen fragwürdigen Geschichtsbildern bei Internet-Autoren entspricht aber auch die gelegentlich tendenziöse Auswahl des Materials, mit dessen Hilfe z. B. auf ein bestimmtes Kolonialszenario hingearbeitet wird. Selektion von Daten und deren formal-ästhetische „Aufbereitung“ im Internet lassen sich an den folgenden Beispielen problematisieren.

Besucht man die Internet-Adresse http://www.deutsche-schutzgebiete.de/deutsche_kolonien.htm – welche Teil des Internetprojektes „Briefmarken des deutschen Kaiserreiches und seiner Kolonien“ ist – findet man eine aufwändige und quantitativ beachtliche Sammlung personen- und ereignisgeschichtlicher Daten.

von www.deutsche-schutzgebiete.de

Damit ist ein Teil des Problems dieser Seiten auch bereits ausgesprochen. Auf dem an die 100 Seiten langen Text fassen die Autoren die Geschichte der deutschen Kolonialgebiete in tabellarischer und chronologischer Form zusammen. Gegenstand ihrer Auflistung sind aber fast ausschließlich logistisch-technische Aspekte der Kolonialaggression.

Diese Fokussierung auf militärstrategische und wirtschaftstechnische Abschnitte vermittelt aber eine patriarchale Geschichtswahrnehmung: Die Kategorie des „Ereignisses“ wird auf die aneignende Einwirkung auf die physisch-geographische Welt reduziert. Historisches „Geschehen“ wird identisch mit „Handeln“, und Handlungsträger sind hier ausschließlich Männer; unter diesen wiederum sind die meisten Aristokraten. Letzteres verwundert nicht, wenn man bedenkt, das Offizierskorps im wilhelminischen Kaiserreich den Sprösslingen der Adelsfamilien vorbehalten waren.

In der chronologischen Ordnung der Okkupation, wie sie die Website http://www.deutsche-schutzgebiete.de/suedwest.htm zum heutigen Namibia bietet, entsteht überdies der Eindruck, die Kolonisatoren wären die Überbringer geordneter Entwicklungsstadien gewesen: Die technokratische Aufzählung zahlloser infrastruktureller Bauleistungen suggeriert ein eurozentristisches Entwicklungsmodell, bei dem wiederum patriarchales Handeln als Leitbild auftaucht und mit Entwicklung gleichgesetzt wird. Die Aggressoren erscheinen gleichermaßen als „Zivilisationsbringer“: Völlig unterschlagen bleiben sämtliche vorkolonialen Kulturleistungen der kolonisierten Ethnien. Der Eindruck „weißer Landkarten“ entsteht, auf denen nur „entdeckt“ werden musste. Es war eben nichts da, bis man entwickelte.

Nun liegt es wohl in der Logik eines evolutionshierarchischen Entwicklungsmodells, das fast nur die „Entwickler“, nämlich die Kolonisatoren bei http://www.deutsche-schutzgebiete.de/suedwest.htm als Protagonisten in Erscheinung treten. Personengeschichte betreiben die Autoren der Website anhand der zentralen Leitfiguren, die jeweils an der Spitze des kolonialen Militär- und Verwaltungsapparates standen. Natürlich werden auch diese nur im Zusammenhang mit ihrem abstrakt-technischen Beitrag zur Kolonisation berücksichtigt: Die tabellarischen Angaben von Amtszeit, Name und formalem Rang reduzieren in staatsmännischem Stil auf bloße Repräsentationsfunktionen. Anders als den kolonisierten Opfern wird ihnen als den aufgeführten Akteuren der „Erschließung“ aber zumindest Subjektstatus zuteil. Wie in revisionistischen Geschichtsbildern üblich, erscheinen die „unterentwickelten“ Ethnien geschichts- und biographielos. Ihre Geschichte verkürzt sich zum Anhängsel in der Biographie europäischer Zivilisationsbringer.

Werden aber die namibischen Ethnien unter http://www.deutsche-schutzgebiete.de/suedwest.htm überhaupt thematisiert, dann als aggressive Kollektive. Auf Seite 5 dieser Webadresse steht zum Beispiel:

„12. Januar 1904 - Beginn des Hereroaufstandes. Plünderungen und Morde an deutschen Farmern, wahllos werden dabei auch Frauen und Kinder ermordet.“

Abgesehen davon, das dem Aufstand hier durch die Begriffswahl jedes bewusst politische Moment abgesprochen wird, sind gerade „plündern“ und – um eben dies zu ermöglichen – auch „morden“ die grundlegenden Ziele kolonialer Herrschaft.

Hier wird nicht einfach nur der legitime Widerstand gegen die Kolonisatoren kriminalisiert, sondern ein fast stereotyper Affekt gegen die (An-)Erkenntnis des Unrechts ist erkennbar. In der anachronistischen – nämlich affirmativen – Haltung gegenüber der deutsch-imperialen Phase, wie die Website sie zeigt, ist auch die Unrechtswahrnehmung antiquiert, nämlich kolonial: Der Mechanismus, die eigene Vorgehensweise auf die Unterworfenen zu projizieren, war auch bei den Kolonisatoren schon sehr beliebt. Sie selbst, als Exekutive des Kolonialapparates, waren aber das eigentliche „aggressive Kollektiv“.

Im selben Maße, wie hier offenbar kein Unrechtsbewusstsein gegenüber den ehemals Kolonisierten besteht, wird ausgerechnet das deutsche Kaiserreich zum Opfer widerrechtlicher Annektierungen stilisiert: Auf der Startseite von http://www.deutsche-schutzgebiete.de/deutsche_kolonien.htm finden sich - in ganz offen revanchistischem Tonfall - die folgenden Sätze:

„Auf dem Höhepunkt umfassten die deutschen Schutzgebiete ca. 3 Millionen Quadratkilometer mit rund 14 Millionen Einwohnern, darunter etwa 24.000 Deutsche... (Dann) trafen die deutschen Schutzgebiete 1914 die Invasionen der Ententemächte. Allein in Deutsch-Ostafrika konnte man unter Führung Lettow-Vorbecks bis Kriegsende dem Feind erfolgreich widerstehen... Die meisten deutschen Siedler wurden entschädigungslos enteignet und vertrieben.“

Aus der Perspektive der unterworfenen Ethnien konnte es sich jedoch nur um einen „innerfraktionellen“ Konkurrenzkampf der europäischen Invasoren handeln, deren „Eigentums“-ansprüche ohnehin illegitim waren: Unter den Farben welcher Nationalfahne der koloniale Ausbeutungsbetrieb die Kolonisierten verwertete – das durfte für die afrikanischen Opfer getrost marginal bleiben.

Auch das auf dieser Homepage verwendete Bildmaterial ist aus der Perspektive (neo-)kolonialer Wahrnehmungsmuster heraus interessant, und das in zweierlei Hinsicht: Zum einen sind die abgebildeten zeitgenössischen Postkarten durchaus historische Dokumente; nur muss ihre Aussagekraft im Hinblick auf die historische Zweckbestimmung definiert werden - was bei http://www.deutsche-schutzgebiete.de/deutsche_kolonien.htm grundsätzlich nicht geschieht.

Und darüber hinaus ist natürlich ihr Einsatz für die Gesamtwirkung jener Website wichtig. Ebensowenig wie die Zusammenstellung bloß ereignisgeschichtlicher, numerischer und chronologischer Daten ein „objektives“ Ereignisbild bewirkt, stellt etwa historisches Bildmaterial unverfälschte Realität dar. Historische Abbildungen repräsentieren – vielmehr als in der modernen massenmedialen Bilderflut – vor allem das, was für darstellenswert gehalten wurde. Damit spiegeln sie in aller Regel den Realitätsentwurf jener gesellschaftlichen Minderheit, die darüber befinden konnte, was „Wirklichkeit“ dokumentiert – und was nicht. Dies gilt eben auch für Postkartenmotive, die aus den Reichskolonien als „Heimatpost“ ins deutsche Reich gesendet wurden.

Motive sind auf ihnen nicht nur im gegenständlichen Sinne abgebildet; vielmehr sind die politischen und mentalen Motivationen der Kolonisatoren in den Bildinszenierungen enthalten. Die Postkarten zeigen zwar Arrangements einer fiktiven Kolonialrealität, aber gerade dadurch wird die Umweltwahrnehmung der Kolonisatoren sichtbar. Nicht so sehr zeigt der Inhalt der Bilder daher das Historische. Das Geschichtliche dokumentiert sich vielmehr in der Absicht, etwas Bestimmtes abzubilden; etwas, das Bedürfnissen entspricht. Abgebildet werden gar nicht Ereignisse, sondern deren nachträgliche Interpretation durch die kolonisierenden Aggressoren. In diesem Sinne dokumentieren die Postkarten historisch Reales, denn die sozialpsychologische Verfasstheit der Kolonialherren – und damit ihr Zwang, das eigene Handeln zu legitimieren – ist Bestandteil der Kolonialgeschichte.

Die folgende Postkarte ist auf Seite 6 der Website http://www.deutsche-schutzgebiete.de/suedwest.htm inklusive Untertitelung – aber ohne Begleittext – abgebildet:

Original-Bildunterschrift: „Kriegsgefangene Hottentotten (zeitgenössische Postkarte)“

Zwar sollte diese Karte nichts anderes als eine Vorführung für den Photographen sein – und ist damit unkaschiert künstlich. Sie spiegelt aber dennoch treffend den realen Ethnorassismus der Kolonialherren. Die Bildaufteilung zeigt die Kolonialherren in erhöhter Position und dokumentiert neben dem militärischen Sieg auch die kulturelle Hegemonie der Europäer:

Als Individuen mit Subjektcharakter wirken hier nur die Deutschen, sie führen vor, während die Marginalisierten - obwohl rein numerisch überlegen - vorgeführt werden und damit Objektcharakter haben. Ihre Platzierung als Großgruppe visualisiert sie als eine Art „koloniale Masse“, bei der es den Status des Individuums gar nicht gibt. Der drohend erhobene Offiziersstock in der Mitte oben symbolisiert da durchaus das Bedürfnis des Kolonialstaates, der „Fremdmasse“ mit preußischer Ordnungstradition Herr zu werden.

In diesem Sinne bildet das Photo schlicht einige Stereotypen aus der kulturrassistischen Umweltwahrnehmung der Kolonisatoren ab. Damit ist es z. B. mentalitäts- und ideologiegeschichtlich sehr aufschlussreich – aber nur, solange man es nicht unkommentiert in den „Webraum“ stellt. Leider reproduzieren die Autoren der besprochenen Website mit ihrer kritikfreien Bildverwertung eher koloniale Symbole, anstatt letztere transparent zu machen. Vielleicht hat sich diese Fragestellung aber auch gar nicht ergeben. Auch könnten alternative – nämlich aufklärende – Bilduntertitel kritische Distanz erzeugen, vorausgesetzt, dies ist beabsichtigt.

So wäre für die abgebildete Postkarte ja auch die folgende Untertitelung denkbar:

„Nach der Unterwerfung: Die ‚Schutztruppe‘ posiert.“

oder:

„Peitsche ohne Zuckerbrot – ein preußisches Kolonialidyll.“

Unter derselben URL finden sich weitere Postkartenmotive, an denen man solche Variationen durchspielen kann.

Insgesamt beweist man sicher keine übertriebene Böswilligkeit, wenn man das oben analysierte Geschichtsverständnis als schlicht anachronistisch und revisionistisch bezeichnet. Unabhängig von den sonstigen Argumenten würde schon die oben kritisierte Verkürzung auf tätergruppenbezogene Daten und deren abstrakte Präsentation als Ereignisgeschichte eine Affirmation der deutschen Kolonialphase nahe legen. Aber auch die distanzlose Verwendung der Begriffe „Schutztruppe“ und „Schutzgebiete“ im gesamten Text von demonstriert im Grunde bereits die „Stoßrichtung“ der Website.

Nicht etwa wäre das Geschichtsbild der besprochenen Seite als direkt neofaschistisch zu nennen. Dazu fehlt einfach ein als offen rassistisch erkennbares Vokabular.

In der Verkürzung auf tabellarisch-chronologische (Kolonial-)Reichsgeschichte erinnert die Seite mit ihrem kolonialbewegten Gestus vielleicht eher an den bürokratischen Reduktionismus eines wilhelminischen Reichsbeamten, der sich hinter seinem Schreibtisch fragt, wie es wohl gewesen sein mag, als die großen Staatslenker damals 1885 in der Reichshauptstadt den afrikanischen Kontinent in bleistiftgerade Linien aufteilten.

Hypothetisch gesprochen: Bestände das wilhelminische Kaiserreich bis heute fort, so würde es vielleicht – ganz im Ernst – seine Kolonialgeschichte in einem Berliner Reichsmuseum in recht ähnlicher Weise dokumentieren, wie es die Website http://www.deutsche-schutzgebiete.de/deutsche_kolonien.htm vorschlägt. Übrigens empfiehlt der „Spiegel online“ jene Seite in den Ausgaben vom 14.4.02 und 7.5.02. – womit wohl doch noch Fragen offen bleiben.



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